Bärwurz


Da bestellt man in einer Bar auf der Hauptstraße von Lido einen Espresso und sieht sich ganz beiläufig auch das Getränkesortiment im Regal an. Da ist etwas, das einen stört. Eine Steingutflasche mit einem Namen drauf, der hier exotisch wirkt. Bärwurz. In Frakturschrift.  Bärwurz hier? Der gehört doch in den Bayerischen Wald!

Wie lang ist das her. Da waren wir im Schneetreiben durch den Wald gestiefelt, fast bis zur tschechischen Grenze. Die Bäume ächzten unter der Schneelast, die Hände waren klamm. Endlich eine Hütte. Wir klopften den Schnee von den Kleidern und gingen hinein. Da war es warm, knorzige Männer saßen da, rauchend. Auf einer Bank an der Wand war noch Platz. Die Wirtin brachte uns einen Schnaps. Bärwurz. Der hinterließ einen nachhaltigen Eindruck in der Speiseröhre und sorgte für eine wohliges Gefühl im Gedärm. Wir tranken dann noch einen, bevor wir uns wieder auf den Weg machten, in der Einsamkeit des Bayerischen Waldes.

Nun also auf Lido. Der Bärwurz gehört nicht gerade zu den alkoholischen Getränken, die man als Betreiber einer venezianischen Bar unbedingt auf der Liste haben muß. Zu welchen Anlässen trinkt man den hier? Schneetreiben kommt ja nicht so oft vor. Vielleicht als Caffè corretto. Con grappa? No, con Bärwurz.