Ausnahmezustand

005-2

Einmal im Jahr: Baden im Kanal (Foto R.W.)

Sechstausend Feuerwerkskörper erleuchten um Mitternacht den Bacino von San Marco. Das Wetterleuchten zwei Stunden vorher war nichts dagegen. Wie in jedem Jahr ist es der Höhepunkt des Erlöserfestes, das seit gut vierhundert Jahren immer wieder am dritten Juliwochenende Venedig in einen Ausnahmezustand versetzt. Da strömen die Leute in großen und kleinen Booten aus allen Richtungen herbei. In diesem Jahr sind es über hunderttausend, wie die Kommune berichtet.

Sie kommen, um ausgelassen zu feiern und zu futtern. Da werden Tische und Stühle, Geschirr und Getränke, Gekühltes und Gesottenes herbeigeschleppt. Die Uferpromenaden verwandeln sich in ein endloses Bankett. Und was sonst verboten ist – , an diesem Wochenende wird es geduldet: das Vergnügen, in die  Kanäle zu springen und  zu schwimmen und zu tollen, wie vor hundert Jahren.

Dabei war der Anlaß für dieses Fest alles andere als heiter-fröhlich-ausgelasssen. Ende des 16. Jahrhunderts wütete in Venedig die Pest und raffte innerhalb von zwei Jahren sechzigtausend der Einwohner hin (damit wäre Venedig heute komplett entvölkert). Die Stadt versuchte mit allen Mitteln, die Epedemie einzudämmen. Vergeblich. Am Ende mußte der Doge Alvise Mocenigo erkennen: Da hilft nur noch beten. Und er forderte die Überlebenden auf zu beten.

Das half dann wohl. Aus Dankbarkeit ließ man auf Giudecca eine Kirche erbauen. 1592 wurde die Redentore-Kirche eingeweiht. Seit diesem Datum pilgern die Gläubigen, angeführt von dem Patriarchen Venedigs, einmal im Jahr auf einer 330 Meter langen Pontonbrücke von Zattere aus quer  über den Giudecca-Kanal auf den weiß leuchtenden Palladio-Bau zu, der über einer ausladenden Freitreppe thront.

Man darf zweifeln, ob die Menge in ihrer Feierlaune daran erinnert werden will, was man da eigentlich feiert, und sich Zeit nimmt für ein Dankgebet an die Heilige, der das Fest seinen Namen verdankt. Ist ja schon so lange her, und die Schrumpfung der Einwohnerzahl hat heute ganz andere Ursachen.