Gemüse ist ja nicht Gemüse

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Venedigs Gemüseinsel (Foto R.W.)

Schon Tucholsky hat sich darüber gewundert, worauf man in Europa alles stolz sein kann. Deutscher zu sein, Franzose zu sein, Engländer zu sein, nicht Deutscher zu sein usw. Aber die Italiener wollen sich in ihrem Stolz wohl von keinem überbieten lassen. Sie sind ja soo o-r-g-o-g-l-i-o-s-i. Auf ihre Kultur, auf ihre Musik, selbst auf ihren Staat (zumindest bei offiziellen Anlässen) und natürlich auf ihr Gemüse.

Ein Beispiel: die Castraure. Die gibt es als Frühlingsgemüse aus mehreren Regionen Italiens. Aber keine sind vergleichbar mit denen, die auf der Insel S. Erasmo geerntet werden. Und es funktioniert. Der Stolz ist ansteckend. Plötzlich sind nicht nur die Erzeuger stolz auf ihr Produkt, auch die Käufer sind stolz, wenn sie unterscheiden dürfen zwischen den heimischen (echten) und denen, die sich den Titel erschlichen haben.

Das können nicht wenige sein. Denn so groß ist die für den Anbau von Gemüse bestimmte Fläche auf der Insel gar nicht, dass diese Mengen, die uns mit dem Label S. Erasmo auf den Marktständen von Rialto offeriert werden, von dort herangeschafft werden können. Etikettenschwindel? Sagen wir lieber: großzügige Auslegung der Herkunftsbezeichnung. Soll sich doch das Konsortium mit dem Problem befassen, dass da wohl einige Trittbfahrer auf das Frischgemüse-Boot von S. Erasmo aufgesprungen sind.

Die Insel S. Erasmo hat 750 Einwohner. In den Reiseführern wird sie als Gemüseinsel bezeichnet. Doch sollte man sich davon keine übertriebenen Vorstellungen machen. Auf der Gesamtfläche von 3,26 Quadratkilometern ist nicht einmal die Hälfte für den Gemüseanbau bestimmt. Man muss also kein Rechenkünstler sein, um herauszufinden, dass das Angebot von Frischgemüse limitiert ist.