Perlentaucher? Eher nicht

Ein schwimmender Müllsammler

Die Lagunenstadt Venedig besteht aus einer Ansammlung von 124 mehr oder weniger großen Inseln, die von mehr oder weniger breiten Kanälen umspült und voneinander getrennt werden.
Rechnet man die Oberfläche all dieser Kanäle in der Stadt zusammen, ergibt sich eine Fläche von einem Quadratkilometer. Auf diesem Quadratkilometer spielt sich der Hauptverkehr innerhalb der Lagunenstadt ab.
Mehr als 30 000 größere und kleinere gewerblich und privat genutzte Boote sowie alle Vaporetti, die irgendwie in der historischen Stadt auf den Kanälen unterwegs sind und zwischendurch an den 4800 verfügbaren Anlegestellen halten, sind an dem Geschehen beteiligt. Alles in allem kommt der Bootsverkehr auf eine Jahresleistung von 17.5 Millionen Kilometern. Diese Zahl lesen wir im Atlante Storico di Venezia aus dem Jahr 2008. Einige hundert Gondeln, die mit Muskelkraft in Bewegung gebracht werden, spielen dabei die geringste Rolle. Moto Ondoso wird nicht mit Muskelkraft sondern mit Dieselkraft erzeugt.

Umso verwunderlicher darf man wohl finden, dass ausgerechnet eine Gruppe von Gondolieri es sich zur Aufgabe gemacht hat, hin und wieder in den Kanälen im Zentrum der Stadt nach Müll zu tauchen. Man könnte ihnen Eigennutz unterstellen. Schließlich sind es ja auch die engen und weniger frequentierten Kanäle, in denen sie mit ihren Gästen unterwegs sind. Aber wenn man sie einmal bei dieser Arbeit beobachtet hat, wird man eines besseren belehrt.

Gondoliere können auch tauchen

Diese Gelegenheit gab es am Sonntag vor Sommeranfang im Stadtteil Castello zwischen Campo Formosa und Campo San Giovanni e Paolo, wo mehrere Kanäle ineinander übergehen. Nach längerer Pause hatte sich wieder eine Gruppe von zehn Freiwilligen zusammengefunden, die ihren Sonntagvormittag nicht mit Gästen in der Gondola zubrachten, sondern in den trüben Gewässern von Kanälen nach Müll suchten. Und sie wurden fündig. Man förderte an die hundert Autoreifen zutage, die wohl als Puffer die Boote bei Anlegemanövern schützen sollten. Die anderen Gegenstände, die ein Taucher ortete, waren wohl eher aus Versehen bein Besteigen oder Verlassen eines Bootes ins Wasser gefallen. Eine Gehhilfe, ein Kinderfahrrad, einige Flaschen Wein, noch verkorkt, aber wohl nicht mehr genießbar. Es gab allerdings auch Funde, bei denen man vielleicht ins Grübeln kommen darf, wie sie es bis in den Kanal geschafft hatten. Zum Beispiel Gasflaschen, Regenrohre oder Radiogeräte. Dabei kann man in Venedig wirklich so gut wie alles ganz offiziell in Abstimmung mit der Müllentsorgung loswerden und nicht im trüben Wasser verschwinden lassen.
Die Aktion, die schon vor der Pandemie ins Leben gerufen worden war, soll nun nach längerer Zwangspause im Herbst fortgesetzt werden. Sie ist als Beitrag der Gondoliere zur Erhaltung von Venedig als lebenswerte Stadt zu verstehen. Auch wenn sie damit die Folgen von Moto Ondoso nicht aufhalten können, haben sie Anerkennung verdient.