Die sakrale Aura des Ortes und die Folgen

Die Basilika San Giorgio Maggiore auf der gleichnamigen Insel, vor mehr als vierhundert Jahren von dem berühmten Architekten Palladio für die Mönche des Benediktiner-Ordens entworfen, wurde im Jahr 1610 geweiht. Zweihundert Jahre später wurde sie säkularisiert und lange Zeit als Kaserne genutzt. Diese „Nutzung“ dauerte bis 1951. Seitdem ist die Insel samt Klosterkomplex und Kirche in der Obhut der Fondazione Cini, die die Restaurierung der heruntergekommen Bauwerke finanzierte und die Insel in einen Ort für kulturelle Begegnungen verwandelte.
Auch wenn die Kirche nicht mehr als Ort für eine Gemeinde dient, die sich hier zum gemeinsamen Gebet einfindet, und auch die Mönche des einstigen Klosters nicht mehr da sind, scheint die sakrale Aura des Ortes immer noch eine besondere Anziehungskraft zu haben. So haben allein im Lauf des letzten Jahrzehnts international bekannte Künstler zumindest spielerisch eine Verbindung mit den himmlischen Kräften herzustellen versucht.

Installation vom Blitzschlag getroffen

Es war im Jahr 2011, als der indische KünstlerAnish Kapoor aus Lodon mit einer technisch aufwendigen Installation die Besucher in die Kirche lockte, die einer Himmelfahrt beiwohnen wollten, auch wenn es nicht die eigene war. Doch statt der Himmelfahrt gab´s ein Gewitter, bei dem wichtige Teile der Installation unbrauchbar gemacht wurden und die Himmelfahrt ausfallen mußte. Man darf vermuten, dass die höheren Mächte so ihr Missfallen zum Ausdruck brachten und uns Menschen an unsere Grenzen erinnern wollten. Die Besucher der 54. Kunstbiennale fanden sich damit ab, dass eine der Attraktionen des Jahres nicht zugänglich war.

Diesmal stimmt die Richtung: Vom Himmel hoch (Foto R.W.)

Im Jahre 2019 erlebten die Besucher einen zweiten Versuch. Dabei ging es weniger darum, die Distanz zwischen den irdischen und den himmlischen Sphären zu überwinden, sondern um die Darstellung des dafür vorgesehenen Gegenstands, den wir schon aus einer Erzählung des Alten Testament kennen: die Leiter, die bis in den Himmel reicht, wo Gott sich von oben herab mit dem künftigen Gründungsvater des Volkes Israel unterhielt und ihm versprach, „durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden“. Auch wenn wir inzwischen wissen, dass es ganz anders gekommen ist, man konnte im Sommer 2019 in der Kirche die ersten zehn Meter einer Himmelsleiter bewundern, die der irische Maler Sean Scully da hatte einrichten lassen. Auch dieser Versuch, sich den himmlischen Sphären zu nähern, blieb ohne Folgen.
Da ist das Kunstwerk, mit dem Kirchenbesucher in diesem Sommer konfrontiert werden, vergleichsweise anspruchslos. Dem Schweizer Künstler Not Vidal geht es darum, uns ein 13 Meter hohes Bauwerk zu zeigen, von dem aus man den Sonnenuntergang beobachten kann. In dem aus Aluminium bestehenden Werk, das man nicht betreten, aber umrunden kann, ist es allerdings nicht machbar. Dafür aber in den Häusern, die Vidal schon seit einigen Jahren in allen möglichen Weltregionen hat aufstellen lassen. 2005 in Aladab, Niger, 2016 in Brasilien, 2018 in der Schweiz. Und das neueste Werk wird nach der Ausstellung in Venedig auf einer Insel von Tonga im Südpazifik aufgebaut und soll dort bleiben. Wem das zu weit sein sollte, sich aus 13 Metern Höhe einen Sonnenuntergang anzusehen, der wird in seiner näheren Umgebung auch Gelegenheiten finden. Es geht doch nur darum, so etwas zu wollen.