Noch ist Venedig keine Geisterstadt

Tourismus und Denkmalpflege stoßen aufeinander (Foto R.W.)

Das Wort Tourist und Tourismus ist in unserer Sprache seit 200 Jahren in Gebrauch. Es bezeichnet heute keine beruflich oder sonst wie begründete Reise, sondern ein Freizeitverhalten von Menschen, die es im Urlaub daheim nicht aushalten. Wenn dieses Freizeitverhalten in Massen vorkommt, nennt man es gern auch Massentourismus. Goethe, der während seiner Italienischen Reise im 18. Jahrhundert mehrere Monate fern der Heimat zubrachte und auf seinem Weg nach Rom (mit Zwischenaufenthalt in Venedig) in holprigen Kutschen durchgeschüttelt wurde, hat das Unterwegssein sicher nicht als Vergnügen empfunden. Heutige Touristen sind Besseres gewöhnt.

Erst mit der Erfindung und dem Ausbau der Eisenbahnverbindungen bis zur Entwicklung der beschleunigten Fortbewegung durch die Luft kam das, was wir heute als Tourismus erleben, richtig in Schwung. Dabei spielte es eine wichtige Rolle, dass man sich im Zeitalter der Industrialisierung dazu hat bewegen lassen, den Arbeitskräften nach und nach das Recht auf freie Tage einzuräumen. Da hatten sie also Urlaub und wollten dem Alltag entfliehen. So war eine Zielgruppe entstanden, die von immer mehr Anbietern und Wirtschaftsunternehmen entdeckt, umworben und manipuliert wurde.

Es dauerte noch einige Zeit, bis daraus das entstand, was wir heute mit Recht Tourismusindustrie nennen, bei der die Infrastruktur, die Verkehrsmittel, die Reiseziele, die Unterkünfte und alle wirtschaftlich relevanten Faktoren miteinander verflochten und aufeinander abgestimmt sind. So lagen die Einnahmen der Tourismus-Branche in Italien für das Jahr 2018 bei über 43 Mrd. €. Wie groß – um nicht zu sagen aufgebläht – diese Branche inzwischen ist, bekommt man in Zeiten einer Pandemie besonders drastisch vorgeführt. Da müssen Fluggesellschaften mit Steuergeldern saniert werden, da werden Hunderte Flugzeuge für unbestimmte Zeit auf Abstellplätzen geparkt, da machen Tausende Beschäftigte der Hotelbranche und der Reisegesellschaften Kurzarbeit und können nicht sicher sein, ob sie jemals wieder ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehen werden, da sind Städte wie Venedig ratlos, wie sie auf das Fernbleiben von Touristen reagieren sollen, weil hier jede Familie irgendwie auf Einkünfte aus dem Tourismus angewiesen ist. Kein Plan B in Sicht.

Dabei erging es Venedig schon seit längerem wie vielen anderen Städten, die bei der Vermarktung als touristische Lockvögel nicht fehlen durften. Wie Goethes Zauberlehrling fühlten sie sich mit der Bewältigung des Andrangs von Menschen überfordert. Die Geister, die sie vielleicht nicht gerade gerufen, aber immerhin vorgelassen hatten, wurde man nicht los, und man wusste nicht, wie mit ihnen umzugehen wäre. Die Tourismusindustrie sah sich nicht verpflichtet, pfleglich mit den Kulturgütern umzugehen, zumal die Städte sich in dieser Hinsicht auch zwiespältig verhielten. Sie ließen den Bau bzw. die Erweiterung von Flughäfen zu, sie fanden nichts dabei, dass ehemalige Paläste sich in Hotels verwandelten und Wohnungen über Vermittlungsagenturen als Feriendomizile angeboten wurden. Mit dem Ergebnis, dass die Einwohnerzahl schrumpfte, zumindest in Venedig.

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Städte sich der Verpflichtung zur Bewahrung ihrer Kulturdenkmäler nicht entziehen wollen und immer wieder Anstrengungen unternehmen, um dieser Verpflichtung gerecht zu werden. Dabei geht es ihnen auch darum, den Besuchern zu vermitteln, wie das Leben für die Menschen in den betreffenden Orten mit der Geschichte und der Bedeutung der Kulturdenkmäler verwoben ist, die das Stadtbild prägen.So hat jetzt das Deutsche Studienzentrum Venedig gemeinsam mit Instituten zur Bewahrung Venedigs einen Studientag organisiert, an dem sich Architekten und Politiker zusammenfanden, um nach dem Vorbild der Charta von Venedig aus dem Jahr1964 dem Thema Denkmalpflege neues Leben einzuhauchen. Damals wie heute geht es darum, die zentrale und anerkannte Richtlinie in der Denkmalpflege ernstzunehmen und durchzusetzen. Diese Richtlinie wurde schon vor gut 50 Jahren auf der Insel San Giorgio in Venedig auf einem internationalen Kongress der Architekten und Denkmalpfleger erarbeitet – daher ihr Name – und wird als der wichtigste denkmalpflegerische Text des 20. Jahrhunderts angesehen.

Es ist wohl kein Zufall, dass man sich gerade jetzt wieder auf dieses Thema einlässt. Denn Venedig hat demnächst einen Anlass zu feiern, der ohne Denkmalpflege undenkbar wäre. Die Lagunenstadt kann auf eine Geschichte von 1600 Jahren zurückblicken. Im Gründungsmythos ist der 25. März 421 unserer Zeitrechnung festgeschrieben, nachzulesen im Atlante Storico di Venezia.

Seit diesem denkwürdigen Datum hat diese Stadt viel erlebt und überstanden. Von Anfang an war sie den Fluten des Meeres ausgesetzt, den Fluten des Massentourismus erst in den letzten Jahrzehnten. Es bleibt spannend, wie sie künftig mit diesen beiden Fluten umgehen wird. Bei denen des Meeres hat sie immer wieder Denkwürdiges geleistet, was als Überlebenskunst für die Menschen und das Biotop Lagune seinesgleichen sucht, aber in jüngerer Zeit nicht immer die Wertschätzung fand, die Venedig und die Lagune brauchen. Heute wurde zum erstenmal der Versuch unternommen, das Flutwehrsystem Mose gegen Hochwasser einzusetzen:  mit Erfolg.

Bei den Menschenmassen steht ihr die Bewährungsprobe noch bevor.