Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Bei der Bürgermeisterwahl in Venedig im Sommer 2020 gibt es zumindest einen Kandidaten, der es mit dieser Erkenntnis aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts etwas zu weit treibt. Mit gut 150 Bildern will der noch amtierende Bürgermeister die Wähler überzeugen, dass es keinen besseren Kandidaten gibt als IHN, der sich nun auch für die zweite Amtszeit berufen fühlt.

Ihm fällt dazu nichts Besseres ein, als die abgelaufene Amtszeit in einer Bilderflut vorbeiziehen zu lassen. Das Gewesene als Bestätigung des Beständigen. Damit man als Betrachter gar nicht anders kann als zu glauben, es wäre doch wohl am besten, wenn alles so weiterginge wie bisher. Zur Bestätigung dürfen wir nachfühlen, wie die verflossenen fünf Jahre in Venedig so gewesen sind, wenn sich der Sindaco in Aktion ablichten ließ. Was davon für die nächsten fünf Jahre als Orientierung dienen soll, bleibt unklar. Wahrscheinlich soll man als Wähler die dargebotene Geschichte dahingehend ergänzen, dass man das Kreuz an der richtigen Stelle macht, wie es auf Seite 22 der Broschüre gezeigt wird: Per votare Brugnaro Sindaco traccia una croce sul simbolo della lista. Übrigens die einzige Seite, die sich nicht mit der verflossenen Amtszeit befaßt, sondern mit der nahen Zukunft: dem Wahlsonntag. Da ist man wohl auch ohne Bilder ganz im Bilde.

Auf goldene Zeiten! (Foto R.W.)

Geht es noch weiter zurück als fünf Jahre? Aber gerne! Warum nicht zur Entstehungsgeschichte der Stadt Venedig. Wann war das gleich? Im Jahr 421 unserer Zeitrechnung. Da ist es doch eine gute Idee, dieses Ereignisses in einer Feier zu gedenken. Und schon verwandelt sich der Markusplatz in einen Ort, an dem musikalisch und optisch daran erinnert wird, wie lange es die Stadt Venedig schon gibt, die nun allen Widrigkeiten zum Trotz damit beschäftigt ist, wieder goldene Zeiten zu erleben. So jedenfalls möchte es der Videokünstler Fabrizio Plessi vermitteln. Er hat die Fensterfront vom Museo Correr auf der gegenüberliegenden Seite zum Markusdom erleuchtet und zumindest symbolisch in Gold getaucht. Darin scheinen immer wieder Buchstaben auf, die den Spruch PAX TIBI ergeben. Das ist die Botschaft, die der geflügelte Löwe in seinem aufgeschlagenen Buch der Stadt darbrachte. Friede sei mit dir. Als Wunsch, als Verheißung? Wundern wir uns? Nicht doch. Es gab einmal Zeiten, die man heute die goldenen nennen mag, da hatten die Löwen in Venedig nicht nur Flügel, sie konnten auch Latein. Aus dieser Zeit stammt der Spruch in dem Buch, das der Löwe in seinen Pranken hält und das auf die wichtigste Voraussetzung für goldene Zeiten hinweist: den Frieden. Wie gut, dass es kein Buch mit sieben Siegeln ist, das uns ja nur das Ende der Welt bescheren würde. Da sind wir doch lieber ganz auf der Seite des Löwen und des Künstlers, der uns auf neue goldene Zeiten in Venedig einstimmen will.