La Fenice und Beethoven

Hier ist kein Platz für Zuschauer (Fotos R.W.)

Das Virus, das unsere späteren Erinnerungen an das Jahr 2020 in vieler Hinsicht bestimmen wird, hat auch vor längst Verstorbenen nicht Halt gemacht, wie es scheint. So hat es zum Beispiel die vielen Vorhaben im Zusammenhang mit dem Gedenkjahr für Ludwig van Beethoven durcheinandergebracht.

Das bekamen auch wir in diesen Tagen bei einem Konzert für den vor 250 Jahren geborenen Komponisten akustisch wie visuell vorgeführt. Es gab für ein Konzert mit Werken von Beethoven in Theater La Fenice noch Karten. Dabei war schon beim Kartenverkauf das Abstandsgebot zu berücksichtigen. Statt der offiziell verfgbaren 1000 Plätze durften nur 300 besetzt werden.

Entsprechend gering war unsere Chance, überhaupt noch ein Ticket zu ergattert. Zu unserer Überraschung hatten wir Glück und bekammen zwie Tickets zum Schnäppchenpreis von 25 Euro. Dazu  wurden wir freundlich  instruiert, was alles zu beachten war, wenn wir die Veranstaltung besuchten.

Wir waren also rechtzeitig (schon gut eine halbe Stunde vor Konzertbeginn) mit unseren Tickets in der Warteschlange (auch da unter Wahrung der Abstandsregeln mit anschließender Temperaturmessung). Durch einen Seiteneingang wurden wir in eine der Logen begleitet, wo ebenfalls einige Plätze frei bleiben mußten (alles sehr ungewohnt). Wir fühlten uns sehr privilegiert, da uns beim Kartenverkauf schon vermittelt worden war, dass diese Logenplätze unter normalen Bedingungen deutlich teurer verkauft worden wären (aber was ist in diesen Zeiten schon normal).

Das Parkett und die Logenränge waren gut beleuchtet, so dass wir die Bewegungen in den diversen Logen beobachten konnten, die sich langsam füllten. Nur der Anblick des Parketts war gewöhnungsbedürftig. Da gab es keine Stuhlreihen und keine gepolstersten Sitzgelegenheiten. Stattdessen Notenständer und Stühle, die ganz sicher nicht für Zuhörer gedacht waren. Unser Blick in Richtung Bühne musste mit einer weiteren Überraschung fertig werden. Keine Spur von Vorhang und nichts, was an einen Orchestergraben erinnerte, stattdessen einige locker verteilten Stuhlreihen, in denen schon einige Besucher Platz genommen hatten. Da dämmerte uns, dass hier die Rollen und Plätze für Darsteller und Zuhörer getauscht worden waren. Die Musiker im Parkett kamen den Zuhörern in dem unteren Logenring plötzlich sehr nahe, während die Gäste, die sonst wohl im Parkett ihren Platz gehabt hätten, nun von der Bühne aus das Geschehen verfolgen durften.

Abgesehen von dieser Rochade war alles wie sonst. Die Musiker mit ihren Masken  kamen aus irgendwelchen Tiefen auf das Parkett, nahmen ihre Plätze ein und warteten auf den Dirigenten. Als dieser auch sein Podest erreicht und sich bei Gästen und Musikern verbeugt hatte, wurden die Lichter ringsum gedämpft und das Parkett erleuchtet. Also alles wie gehabt, nur umgekehrt. Ob das Arrangement als Reaktion auf das Virus zu deuten ist, wer weiß…

Das Orcheter des Theaters, sehr übersichtlich im Parkett verteilt, durfte nach langer Zeit endlich wieder vor Publikum spielen und tat dies mit Hingabe. Man wollte schließlich in Übung bleiben. Gespielt wurden zwei Sinfonien. Zuerst die vierte und nach einer kurzen Pause die achte. Beide Werke werden wohl nicht so häufig gespielt, wie etwa die fünfte oder die neunte Sinfonie, und wir waren darauf vorbereitet, etwas Neues zu Gehör zu bekommen. Doch nach wenigen Takten regten sich Erinnerungen. Nicht dass wir sagen können, die Stücke wären uns vertraut. Aber sie waren uns nicht ganz fremd. Die ungewohnte Anordnung, bei der wir, statt auf Zuhörer zu blicken, den Musikern zusehen durften, und die veränderte Akustik, die sich unmittelbar miteilte, das alles tat ein Übriges, um diesen Abend als schöne Erinnerung für die Zeit nach Corona mitzunehmen.