UNESCO als Feigenblatt?

Die UNESCO ist eine weltweit operierende Institution der Vereinten Nationen mit Hauptsitz in Paris. Ihr gehören 193 Staaten an, die sich auf gemeinsame Ziele geeinigt haben: Weltfrieden, Armutsbekämpfung, nachhaltige Entwicklung und interkulturelle Verständigung über Erziehung, Wissenschaft, Kultur und Informationsaustausch. In Zusammenarbeit mit den Vertragsstaaten entscheidet die UNESCO auch über die Aufnahme von Kulturstätten der Welt in eine Liste der Welterbestätten. Bisher sind in dieser Liste 1121 Welterbestätten registriert, verteilt auf 167 Länder. Die meisten davon in der Kategorie Weltkulturerbe.Venedig mit den in der Lagune verteilten Inseln sowie die Lagune selbst sind seit 1987 in dieser Liste. Wenn man also vom Weltkulturerbe Venedig spricht, ist damit nicht nur die Lagunenstadt gemeint, sondern ein Gebiet, das sich über 50 000 Quadratkilometer erstreckt. Man hat dafür das schöne Wort Ensemble gefunden.

Wenn wir schon bei schönen Worten sind, sollten wir doch auch mal das Wort WeltKulturErbe etwas genauer betrachten. Was ist damit eigentlich gemeint, das Kulturerbe der Welt (Welt-Kulturerbe), oder sehen wir uns als Erben einer Weltkultur (Weltkultur-Erbe)?

Was kann mit dem Kulturerbe der Welt gemeint sein, wenn man es beim Wort nimmt? Ist die ganze Welt angesprochen, wenn wir Venedig als Welt-Kulturerbe verstehen?. Das Ensemble mit Venedig als Mittelpunkt ist dann zu Recht in einer Liste mit Hunderten anderen Orten vertreten, die in der Welt aufgrund ihrer historischen Bedeutung besondere Beachtung verdienen und auf unsere Wertschätzung angewiesen sind. Sind wir uns dessen bewußt? Wollen wir die Welt (wer immer da anzusprechen ist) wirklich in die Pflicht nehmen? Oder handelt es sich nur um ein schön klingendes aber wirkungsloses Wort, weil die damit verbundenen Ansprüche an die Welt nicht formuliert sind und auch nicht eingefordert oder eingeklagt werden könnten?

Und wie sieht es aus, wenn wir uns als Erben einer Weltkultur verstehen sollen? In diesem Fall ist Venedig ein Stück Weltkultur, hat also in der Pyramide der Kulturgeschichte einen der oberen Plätze erobert. Da gibt es allerdings das Problem, dass Venedig immer noch ein Wohnort für die dort lebenden Menschen ist, denen deshalb auch Teile der Stadt gehören, mit Grund und Boden, mit Wohnungen und Geschäften, die von den Besitzern bewohnt und bewirtschaftet werden. Nicht zu vergessen die 50 000 Quadratkilometer der Lagune, für die die Zuständigkeiten zwischen Stadt und Staat umstritten sind. Betrachten sich diese Besitzer als Erben von Weltkultur? Sind sie sich der Verantwortung bewußt, die sich daraus ergibt? Wurden sie gefragt, ob sie die Auszeichnung Weltkultur und die damit einhergehenden Verpflichtungen überhaupt annehmen wollten? Irgendwie geraten wir mit diesem Begriff in eine Zwickmühle. Wenn die Besitzer sich gar nicht als Erben der Weltkultur verstehen, wer ist dann der Erbe? Weder die Weltkultur noch ihre Erben lassen sich zuverlässig identifizieren. Mit der Folge, dass weder die Institutionen, die sich als Hüter der Weltkultur verstehen, noch die Besitzer von Teilen dieser Weltkultur sich darauf verständigt haben, was denn nun geschehen soll mit der Weltkultur und wer da überhaupt Durchgriffsrechte hat. Besitzlose Erben und kulturlose Besitzer finden halt schwer zueinander.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Menschen und Institutionen, die in Venedig etwas zu sagen haben, sich am besten darauf verstehen, so zu handeln, dass es ihnen wirtschaftlichen Nutzen verspricht. Sie haben die Stadt und die Lagune bewirtschaftet und mit Erfolg eine Touristen-Attraktion daraus gemacht. Dazu brauchten sie die UNESCO nicht. Die Zahlen, die in einem deutschen Reiseführer aus dem Jahr 1986 zu lesen sind, verdeutlichen, wohin schon vor mehr als 30 Jahren die Reise ging:

In der Stadt selbst leben etwa 90 000 Einwohner.

Jährlich besuchen fast 15 Millionen Touristen Venedig.

In der Hochsaison werden manchmal bis zu 300 000 Besucher täglich gezählt.

Mehr als die Hälfte der Gäste bleibt nur einen Tag.

Bevorzugte Ziele sind Piazza, Piazzetta und Dom von San Marco. Schon weniger besucht wird der Dogenpalast, und nur jeder zehnte Fremde lernt Museen und Kirchen außerhalb des Zentrums kennen.

Rund 70 Prozent der erwerbstätigen Venezianer arbeiten in der Tourismus-Branche.

Erst im Jahr 1987 wurde Venedig zum Weltkulturerbe erklärt (ohne Bindestrich). Hat sich seitdem etwas an dem Geschäftsmodell geändert, mit dem man Touristen anlockt und bedient? Die Zahlen, die wir in diesen Tagen in einem Bericht der New York Times lesen, lassen es nicht erkennen.

Die Hotels der Stadt beherbergen jährlich zehn Millionen Gäste.

Hinzu kommen zwanzig Millionen Tagesgäste.

1,6 Millionen Menschen erreichenVenedig mit einem Kreuzfahrtschiff.

Die Einwohnerzahl hat sich gegenüber 1986 fast halbiert.

25 000 Einwohner sind im Tourismusbereich beschäftigt.

Alles Zahlen, die man in der Vergangenheitsform schreiben sollte, prä-coronastisch sozusagen. Immerhin ist es merkwürdig, dass die Eintragung Venedigs in die UNESCO-Liste mehr oder weniger mit der Zeit zusammenfällt, in der die Kreuzfahrtschiffe immer größer wurden und der Hafen von Venedig eines ihrer beliebtesten Reiseziele in Europa wurde. Bewarb man sich um die Eintragung als Weltkulturerbe, weil man sich schämte und so etwas wie ein Feigenblatt brauchte? Schließlich zeigen schon die Zahlen der achziger Jahre, dass man sich mit dem Massentourismus arrangiert hatte.

Was auch immer die UNESCO dazu beitragen kann oder könnte, um so etwas wie eine post-coronastische Wende herbeizuführen, es wird nicht reichen, das Weltkultur-Erbe aus der Falle des monokulturellen Global-Tourismus zu befreien. Das müssten die Venezianer schon selbst wollen.