Dickhäuter in Venedig

Engel mit Elefant oder umgekehrt? (Foto R.W.)

Mit Löwen kennt man sich in Venedig recht gut aus. Sogar mit geflügelten. Doch mit Elefanten ist es anders. Wo bekommt man in Venedig schon einen Elefanten zu Gesicht? Nun haben wir doch einen Ort entdeckt, wo sich ein solches Tier mit einem Engel blicken läßt. Oder ist es eher umgekehrt? Wo dieser Ort genau ist, verraten wir noch nicht.

Der Elefant, dem wir an diesem Ort begegnen, entspricht so gar nicht den Vorstellungen, die man normalerweise von dem größten lebenden Säugetier auf unserem Planeten gespeichert hat. Von zwei bis fünf Tonnen Lebendgewicht kann bei diesem Elefanten kaum die Rede sein, und auch die Schulterhöhe von mindestens zwei Metern erreicht das Tier, das da mit der Figur des Engels zu verschmelzen scheint, ebenfalls nicht. Der steinerne Elefant reicht dem steinernen Engel gerade mal bis zum Bauchnabel, wenn man bei Engeln unter ihrem Gewand einen solchen überhaupt vermuten darf.

Jedenfalls sind die Größenverhältnisse sehr ungewohnt. Wenn wir diesem Engel eine menschliche Dimension zuschreiben, dann handelt es sich bei dem Begleiter um einen Miniaturelefanten. Sollten wir allerdings davon ausgehen, dass es sich um die Darstellung eines Elefanten normaler Größe handeln, hätten wir es mit einem Engel zu tun, der uns um einige Meter überragen würde. Wir haben die Wahl, mit welcher Vorstellung wir uns anfreunden wollen.

Dabei ist es nicht so, dass man in Venedig nicht auch mit lebenden Elefanten konfrontiert worden wäre. In dem dickleibigen Buch „Atlante Storico di Venezia“, das die Chronologie der Stadt von den Anfängen im Jahr 421 bis in die Gegenwart fortschreibt, wird uns aus dem Jahr 1819 ein Ereignis geschildert, in dem ein Elefant eine Rolle spielt, eine traurige.

1819 war für Venedig kein gutes Jahr, ebensowenig wie die Jahre davor, in denen man die österreichische Besatzung zu erdulden hatte. Der Bericht des Statthalters an den Kaiser in Wien enthält Schilderungen, die vermuten lassen, dass man sich vor zweihundert Jahren ähnlich fühlte wie heutzutage. Die Stadt heruntergekommen, Arbeitslose und Bettler in Massen, wer es sich leisten kann, zieht aufs Festland, die Bevölkerung indolent, Venedigs Hafen ohne Perspektive, während Triest gute Geschäfte macht.

Und in so einem Jahr traut sich ein Zirkus nach Venedig. Als Attraktion bringt er auch einen Elefanten mit. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind die Menschen dankbar für jede Form von Ablenkung. Aber eine Jagd auf Elefanten durch den Stadtteil von Castello bis zu seiner Erschießung mit Kanonenkugeln bekommt man nicht alle Tage geboten. Die Geschichte beginnt damit, dass der Dickhäuter aus dem Zirkuszelt auf der Riva dei Schiavoni ausbricht und sich nicht wieder einfangen läßt. Die Verfolgung des aufgeregten Tieres gestaltet sich schwierig und endet in der Kirche S. Antonin, wo der Elefant weder aus noch ein weiß. Die Verfolger, zu denen auch das österreichische Militär gehört, wissen nichts Besseres als ihn zu erschießen. In eine Kirchenwand wird ein Loch geschlagen, durch das man ihn mit mehreren Kanonenkugeln erlegt. Zu dem Ereignis gibt es eine ausführliche Geschichte, in der nachzulesen ist, wie die Flucht samt Erschießung verlaufen ist und was anschließend mit dem Kadaver angestellt wurde, bis das Skelett schließlich als Ausstellungsstück im Zoologischen Museum von Padua landet. Da ist es heute noch zu bewundern.

Während man den geflügelten Löwen auf Schritt und Tritt begegnete, waren die Dickhäuter immer eine Sensation, die man sich gelegentlich gönnte, meistens während der Karnevalszeit. Dazu gehörte auch der Elefant mit Namen Condolo, der im Jahr 1774 dem Maler Pietro Longhi Modell stand, fest angekettet und friedlich. Longhi, der damals eine ähnliche Rolle spielte wie heutzutage die Fotografen, die die Promis und ihre Follower mit Bildern versorgen, bekam den Auftrag, den mit einer Kette auf Distanz gehaltenen Elefanten, umgeben von einigen auserwählten Betrachtern, in einem Bild für die Ewigkeit festzuhalten. Es wurden dann sogar mehrere Bilder. Nun ist seitdem noch keine Ewigkeit vergangen, aber mehr als zweihundert Jahre sind es schon. Dieser Elefant hat die Jahrhunderte unversehrt überstanden, wenn man von der Patina auf der Leinwand absieht, und spielt inzwischen auch auf dem internationalen Kunstmarkt eine nicht unbedeutende Rolle. So hat ein unbekannter Sammler im Jahr 2013 auf einer Auktion in New York mehr als 1, 3 Millionen US$ für eines der Bilder bezahlt, die Longhi seinerzeit mit dem von einer schaulustigen Gruppe umgebenen Dickhäuter gemalt hat.

Die Faszination dieser ungewöhnlichen Tiere, der man sich auch heute nicht entziehen kann, erlebten die Venezianer vor gar nicht so langer Zeit noch einmal unmittelbar und quasi hautnah in den Gassen Venedigs. Diesmal allerdings nicht in Zeiten des Karnevals, sondern mitten im Sommer des Jahres 1954. Der Zirkus Togni hatte sich angesagt und war per Bahn mit einem ganzen Zoo angereist. Vom Bahnhof S. Lucia ging es über die Scalzi-Brücke mehr als tausend Meter durch relativ enge Gassen bis zum Campo S. Giacomo dell´Orio, wo der Zirkus sein Zelt errichtet hatte. Man muss sich das mal auf einem Stadtplan ansehen, um ermessen zu können, was für eine logistische Leistung die Dompteure des Zirkus da vollbrachten. Auf einem Bild (nicht gemalt, sondern fotografiert) sieht man, wie die Gruppe der Elefanten, ein Quintett von Dickhäutern, auf der Scalzi-Brücke sich zu einer Pyramide auftürmen. Der Weg vom Bahnhof bis zum Campo S. Giacomo dell´Orio war von begeisterten Zuschauern gesäumt. Es ging alles friedlich zu, es wurden keine Kanonenkugeln auf die Tiere abgefeuert. In einem späteren Beitrag zu diesem Ereignis ist zu lesen: Elefanten in Venedig, heute eine schier unvorstellbare Situation. Damals war es ein magisches Ereignis. Diese magische Ereignis hat man damals sogar auf einen Film gebannt, der inzwischen allerlei technische Bearbeitungen erfahren hat. Heute ist er sogar auf Youtube zu bestaunen. Seht selbst…

50s: The Togni Circus in Venice