Noch so ein Wunder

Keep your distance. Das gilt auch für Meerjungfrauen und  Blue Moon (Foto R.W.)

Haben wir schon mal einen blauen Mond gesehen? Am Himmel nicht. Doch auf der Insel Lido gibt es einen Ort, der sich seit Jahrzehnten so nennt. Genau genommen seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Da hat man die von der deutschen Wehrmacht gegen Ende des Krieges in die Luft gesprengte Bade-Einrichtung bald wieder aufgebaut und sie „Blue Moon“ genannt. Schließlich hatte man hier im 19. Jahrhundert den Badespaß auf Lido sozusagen erfunden, und Häuser wie das Grand Hotel Des Baines gegenüber zehrten auch von dieser Erinnerung an die Badefreuden in besseren Zeiten.

Seitdem gibt es also einen blauen Mond, und es gibt ihn auch nicht. Denn seit mehr als zwanzig Jahren ist damit ein Ort gemeint, den man mehr als Baustelle erlebt hat und weniger als gut geführte Anlage für Freizeitspaß. Dabei war man doch bestrebt gewesen, hier eine Einrichtung zu schaffen, die sowohl die Bedürfnisse von Badegästen erfüllen sollte wie auch die Erwartungen von Menschen, die sich unter einem guten Leben doch mehr vorstellen als das Planschen in den Wellen des Meeres.

Ende des letzten Jahrhunderts begannen die Arbeiten an dem Projekt „Il Nuovo Blue Moon“, das im Frühjahr 2001 hätte fertig sein sollen. Doch es gab allerlei Hindernisse, und die Bauarbeiten zogen sich hin. Das versprochene gute Leben wollte sich nicht einstellen, weder für die Betreiber noch für die Besucher. Stattdessen wurden Teile der Einrichtung immer wieder gesperrt, ja sogar abgebaut. Eine Entwicklung, die den von seinem Projekt überzeugten Architekten Giancarlo De Carlo sicher sehr bekümmert haben dürfte. Hatte er sich doch vorgestellt, dass in dem Gebäude mit Restaurant, Caffé und ungehinderter Aussicht aufs Meer elegant gekleidete Menschen miteinander plaudern und dabei ein gutes Essen und eine noch bessere Aussicht genießen würden.

Es gab noch Platz nach oben (Foto R.W.)

Umso mehr dürfte er sich jetzt freuen, dass in diesen Tagen das Restaurant mit Blick aufs Meer nun auch die obere Etage bespielt, die seit Jahren verrammelt war. Wir sind geneigt, fast an ein Wunder zu glauben. Bei unserem letzten Besuch der Einrichtung kurz vor Vollmond wurden wir auf der offenen Terrasse im Obergschoss von einem Wesen begrüßt, das über andere Möglichkeiten verfügt als unsereiner. Wir vermuten mal, dass wir hier das Zusammenwirken von Naturelementen erleben. Auf der einen Seite die unsichtbare Macht von Viren, die sich der Luft bedienen, auf der anderen Seite das Wirken von Wassergeistern, die uns mit dem Anblick einer Meerjungfrau überraschenund beglücken. Welche Rolle sie sonst noch spielen, lassen wir mal offen.

Das hat doch alles mit den Abstandsregeln zu tun, die unter Mitwirkung von Corona-Viren immer wieder zu neuen Lösungen beitragen. Hätte man sonst nach Jahren der Untätigkeit mit soviel Elan das Obergeschoss geöffnet, um Platz zu gewinnen, der nun mehr Gästen erlaubt, das Leben auch unter Berücksichtignng der Abstandsregeln zu genießen?!

Uns kann es nur recht sein. Der Ausblick auf Strand und Meer, von einem Mond beschienen, den es nicht stören wird, dass da auf Erden ein Ort sich seines Namens bedient und darüber hinaus auch noch die Farbe des Meeres vereinnahmt, erzeugt eine fast ausgelassene Stimmung. Da ist man gerne bereit, noch manches mehr für möglich zu halten. Zum Beispiel die Vorstellung, dass der Architekt De Carlo, dem es nicht mehr beschieden ist, das Wunder zu erleben – er ist im Jahr 2005 gestorben – , nun gemeinsam mit dem Mann im Mond aus beträchtlichem Abstand auf das Gewimmel von Blue Moon blickt. Diese Genugtuung wollen wir ihm gerne gönnen.