Nicht nur auf Lido ist Saison

Hier sind die Venezianer unter sich (Foto R.W.)

Wie kann es anders sein bei einer Stadt, die sich gern über Superlative definiert. So ist auch das Strandleben auf Lido keine Überraschung. Die langgestreckte Düneninsel, die die Lagune Venedigs nach Osten hin vom Mittelmeer trennt, bietet auf zwölf Kilometern eine durchorganisierte und bewirtschaftete Einnahmequelle, und das seit gut hundert Jahren, wie man als belesener Kenner Venedigs weiß. Nur ist es diesmal nicht mehr das Hotel Des Baines, das den Vogel an Exklusivität abschießt. Das Hotel selbst ist seit Jahren eine dahinsiechende Baustelle, doch der Strand auf der Seeseite wird weiter bewirtschaftet. Wer hier eine Capanna für die gesamte Saison mietet, muss mit über 8000 Euro rechnen. Dafür gibt es eine verschließbare Hütte mit Liege, einige Stühle und drei Sonnenschirme. Einige hundert Meter weiter südlich ist das Hotel Excelsior, wo eine Einrichtung mit ähnlicher Ausstattung noch 1000 Euro mehr kostet. Wer sich nicht während der ganzen Saison am Strand lümmeln will und schon nach einem Tag genug hat, ist mit 453 Euro dabei.

Nun sind nicht alle Venezianer so betucht, dass sie sich diese Preise leisten können. Dabei gehört es in den Familien mehr oder weniger zur Tradition, dass sie den Sommer mit Kindern und Hunden am Meer und in einer Capanna verbringen, die sie sich gerne mit anderen Familien gemeinsam leisten. Denn auch die Betreiber der Strände südlich und nördlich von den großen Hotels sind nicht zimperlich. Da kann eine Capanna schon 3500 Euro kosten, wenn sie möglichst nahe am Strand gelegen ist. Wer da nur für einen Tag die Sonne, den Schatten und das Meer genießen will, bekommt eine beschirmte Liege schon für 18 Euro.

Und wer sich das alles nicht leisten kann, darf gerne an all diesen Einrichtungen vorbeischlendern und nach einem Stück Strand Ausschau halten, der nicht bewirtschaftet ist. Den gibt es tatsächlich, und er wird bei der Bewirtschaftung nicht vernachlässigt. So sind auch dort Abfallbehälter aufgestellt, die man beim abendlichen Großreinemachen nicht vergißt.

Ganz anders machen es die Venezianer, die sich in der Lagune auskennen und ein Boot ihr eigen nennen. Sie brauchen den vom Mittelmeer umspülten Strand gar nicht, weil sie schon in der Lagune selbst Stellen kennen, die ihnen das Strandleben da draußen im Mittelmeer mehr als ersetzen. Zum Beispiel auf der östlichen Seite der Gemüse-Insel S. Erasmo. Da gibt es im Bereich des Ufers und der vorgelagerten Dünen gemügend Platz, wo man das Boot festmacht, wo die Kinder planschen und die Familien sich treffen können. Was man hier bei schönem Wetter an Wochenenden geboten bekommt, ersetzt vielen die Capanna da draußen am Meer. Vielleicht ist es für sie nicht einmal Ersatz, sondern die richtige Wahl.