Kann es sein, dass es in Venedig so viele Schild-Bürger gibt?

Solche Schilder prangen jetzt an vielen Eingangstüren (Foto R.W.)

Kann es sein, dass jeder fünfte Venezianer ein Schild-Bürger ist? In einem ausführlichen Beitrag der New York Times lesen wir, wie man sich die Zeit nach der Pandemie in Venedig vorstellen darf. Es wird vielleicht weniger Tagestouristen geben, denn man hat wohl gelernt, dass Tourismus als Monokultur nicht die Lösung ist. Aber mit den Besuchern, die entweder in Hotels logieren werden oder ihre Bleibe in privat vermieteten Wohnungen finden, rechnet man auch in Zukunft. In ihren besten Zeiten hat die Hotelbranche im Jahr über 10 Millionen Gäste beherbergt, nicht zu vergessen die knapp 10 000 Ferienwohnungen, die man über diverse Online-Portale vermittelt bekommt. Damit hat Venedig den Spitzenplatz im Verhältnis von angebotenen Ferienunterkünften zur Einwohnerzahl, auf den sie kaum stolz sein dürfte.

Für mich als „Rückkehrer“ nach mehr als sechs Monaten Entsagung ist es sehr anregend zu beobachten, wie die Venezianer so etwas wie ansteckende Zuversicht ausstrahlen, die man sich gern gefallen lässt. Schließlich fühlt man sich privilegiert in dieser besonderen, ja einmaligen Stadt. Bei den Spaziergängen durch die mäßig belebten Gassen sind mir an den Haustüren einige Schildchen aufgefallen, die es bei meinem letzten Besuch im Dezember 2019 noch nicht gegeben hat. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest: die Schildchen weisen auf Ferienwohnungen hin.

So hat die Stadtverwaltung eine neue Kategorie von Bürgern geschaffen, die im Unterschied zu anderen Bürgern verraten, dass sie bei dem Geschäft mit dem Tourismus eine wichtige Rolle spielen. Dabei treten sie nicht direkt in Erscheinung, sondern über ein kleines weißes Schild mit den Hinweis LOCAZIONE TURISTICA, das neben dem Namensschild prangt. Da haben wir die Schild-Bürger, die sich hier mehr oder weniger freiwillig als Vermieter von Ferienwohnungen outen. Unter den Einwohnern Venedigs, die auf knapp 50000 geschrumpft sind, bilden sie eine Minderheit, aber eine beträchtliche.

Man wird sich erinnern, dass die Bewohner von Schilda den Ruf hatten, bei der Verwirklichung ihrer Vorhaben besonders einfallsreich zu sein, auch wenn das Ergebnis dann eher befremdlich war. Was kann man in dieser Hinsicht von den Venezianern erwarten? Wenn man genauer hinsieht, entdeckt man, dass Schilda in den besten Verwaltungen vorkommen kann. Fast wie ein Virus. Nur ist dabei nicht immer gewährleistet, dass man erreicht, was angestrebt war. Oder war mit der Kennzeichnung LOCAZIONE TURISTICA wirklich beachsichtigt, die Problematik mit den Ferienwohnungen zu verdeutlichen?

So ist es doch merkwürdig, dass für die Kenntlichmachung der Schild-Bürger Ende 2019 eine Vorschrift aus dem Jahr 2013 herangezogen wurde. Man hätte also schon früher handeln können. Ganz zu schweigen von den Vorgaben, die bei der Gestaltung und Anbringung der Schilder zu berücksichtigen sind. Als Maße für das normale Schildchen wurden 10 x 3 cm festgelegt.. Das geschah unter Mitwirkung der Soprintendenza für Archeologia, Belle Arti e Paesaggio. In Ausnahmefällen, wo es an den Haustüren keine Namensschildchen gibt, aber einen Klingelknopf, soll neben diesem ein Messingschild in den Abmessungen 6 x 3 cm angebracht werden. Das ist nur eine kleine Kostprobe aus dem Papier mit den Vorschriften. Man sieht: alles nicht so einfach. Ganz zu schweigen davon, dass diese möglicherweise gut gemeinte Maßnahme zur Orientierung für Feriengäste nun mehr oder weniger ins Leere läuft, zumindest bisher. Geht noch mehr Schilda?

Aber es wäre nicht Venedig, wenn man es dabei beließe, dass der Tourismus an Schwung verloren haben dürfte. In der Stadtverwaltung hat man die Studenten entdeckt, die hier an zwei Universitäten immatrikuliert sind. Darüber hinaus gibt es eine Musikschule und eine Kunstakademie. Insgesamt beleben mehr als 20 000 junge Menschen das Stadtbild, zum größten Teil allerdings als Pendler, weil sie in der Stadt selbst keine bezahlbare Unterkunft finden.

Es gibt nun Pläne, die Vermieter von Ferienwohnungen zu motivieren, dass sie ihre Wohnungen an Studenten vermieten. Damit wäre der Hinweis Locazione Turistica obsolet. Dabei will die Stadt wohl sicherstellen, dass durch die Vertragsgestaltung und besondere Regelungen bei der Instandhaltung der vermieteten Wohnungen die Vermieter sicher sein können, dass die vereinbarten Mieten pünktlich bezahlt werden und ihre Objekte nicht an Wert verlieren. Die Gespräche zwischen der Stadtverwaltung und den Hochschulen sind bisher vielversprechend verlaufen, es gibt ein Protokoll über die Ergebnisse, es liegt auch schon eine Befragung unter den immatrikulierten Studenten vor. Danach kann wohl jeder dritte Studierende sich vorstellen, nach dem Studium in Venedig zu bleiben. Nur was würde er hier dann tun? So bleibt zu hoffen, dass es diesmal nicht ganz so lange dauern wird, bis den Gesprächen auch Taten folgen. Dann aber solche, die man nicht in Schilda verorten wird.