Ein Macher will´s noch einmal wissen

Eine verpasste Gelegenheit für den Sindaco

Als Luigi Brugnaro, erfolgreicher Geschäftsmann im Veneto, dem unter anderem der erfolgreiche Basketball-Verein Reyer gehört, seine politischen Ambitionen entdeckte und sich als Parteiloser um die Position des Bürgermeisters von Venedig bewarb, waren die Verhältnisse für die Stadtverwaltung mehr als desaströs. Der amtierende Bürgermeister Girogio Orsoni, dessen Amtszeit in Ca`Farsetti offiziell im Jahr 2015 geendet hätte, musste ein Jahr früher zurücktreten, weil gegen ihn wegen illegaler Spendengelder im Zusammenhang mit seinem Wahlkampf ermittelt wurde. Die Restzeit der Amtsperiode absolvierte Vittorio Zappalorto kommissarisch, bis sein gewählter Nachfolger Brugnaro das Amt übernehmen konnte. Ganz ohne Schwarzgeld.

Der neue Bürgermeister blieb mit zwei Bemerkungen in der Erinnerung seiner Wähler und der Bürger Venedigs, die ihn nicht gewählt haben. Die erste betrifft die Amtszeit, die er als befristete Herkules-Arbeit in einer Art Augiasstall zu erledigen versprach. „Ich miste aus, bringe die Konten in Ordnung, dann werde ich wieder Unternehmer und übergebe an Jüngere.“ So wird er 2015 in den Medien zitiert. Die zweite ist ein Versprechen ganz anderer Qualität. Brugnaro versprach, dass er die Amtszeit ohne das ihm zustehende Gehalt absolvieren werde.

Seitdem sind fünf Jahre vergangen, und es sieht ganz danach aus, dass der Sindaco wohl so viel Gefallen an der Kommunalpolitik gefunden hat, dass er sich um eine zweite Amtszeit bewirbt. Seit Monaten ist er im Wahlkampfmodus und versäumt keine Gelegenheit, sich in Szene zu setzen, und wenn er dazu die hüfthohen Gummistiefel anziehen muss, um der Welt zu demonstrieren, wie es bei dem Hochwasser im November 2019 auf dem Markusplatz zuging. Seitdem ist das Flutwehrprojekt Mose wieder einmal Chefsache. Vergessen ist das Versprechen, nach fünf Jahren Jüngere vorzulassen, die möglicherweise andere Vorstellungen zum Wohlergehen der Stadt haben könnten. Da ist Brugnaro nicht der erste Politiker, der sich darauf berufen wird, man solle ihn doch bitte an seinen Taten messen und nicht an den Worten, die keinen mehr kümmern. Schließlich kann er darauf verweisen, dass mit seiner bisherigen Amtsführung eine deutliche Mehrheit der befragten Venezianer zufrieden ist.

Und wie ist es mit dem Versprechen, auf das Bürgermeistergehalt zu verzichten? Immerhin handelt es sich um die stolze Summer von über vierhundertdreißigtausend Euro, die sich der Geschäftsmann in diesen fünf Jahren hat entgehen lassen. Doch wer sich nun vorstellt, dass diese Summe im Stadtsäckel Venedigs verbleibt, hat die Rechnung ohne den Geschäftsmann Brugnaro gemacht. Was Brugnaro nicht bekommen hat, das bekommen jetzt rund 150 soziale Einrichtungen aus einem von ihm eingerichteten Wohltätigkeitsfond, der mit den nicht gezahlten Einkünften des Sindaco augestattt wird. Diese Nachricht erreicht die Venezianer drei Monate vor der Bürgermeisterwahl. Kein Schelm, der sich nichts dabei denkt.

Ob die Augiasstall-Nummer mit dem selbsternannten Herkules ein Erfolg war, mögen andere beurteilen, die sich mit den wirtschaftlichen Einzelheiten einer Stadtverwaltung auskennen. Offen bleiben in jedem Fall die Fragen, wie es mit Venedig weitergehen soll. Herkules mußte sich seinerzeit dieser Frage nicht aussetzen, Brugnaro schon. Auf die Antworten warten wir immer noch. Vielleicht müssen wir uns mit der Erkenntnis begnügen, dass es diese Antworten nicht geben wird, solange sie Menschen gestellt wird, die schon mit der Fragestellung überfordert sind.

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