Wie retten wir die Lagune als Ökosystem?

550 Quadratkilometer groß und an drei Stellen zur Adria offen ist die Lagune von Venedig

Venedigs Hochwasser ist das Ergebnis einer neoliberalen Politik, die die venezianische Lagune durch Ausgraben der Kanäle für Erdöltanker und Kreuzfahrtschiffe sowie durch eine sieben Milliarden teure Hochwasserschleuse zerstört hat. Eine Schleuse, die nie funktionieren wird.“ So hat Petra Reski, die schon seit dreißig Jahren in Venedig lebt, wie sie betont, Leser in Deutschland beschieden, die sich über das Extrem-Hochwasser informieren wollten, mit dem die Venezianer im November 2019 irgendwie fertig werden mussten.

Doch für Pantalone und Anatoll Frustwächter als Betroffene und Beobachter des Geschehens ist damit das Thema Acqua Alta noch lange nicht erledigt.

Anatoll Frustwächter: Da sind doch wirklich die Sirenen vom Heulen des Sturms übertönt worden, die uns Anfang November auf das Extrem-Hochwasser einstimmen sollten. Und das ohne den beschwichtigenden Zusatz, auf den wir seit Jahren vergeblich warten: „ Ihr könnt beruhigt sein. Wir haben Mose schon aktiviert“.

Pantalone: Glaubt in Venedig überhaupt noch jemand daran, dass das Flutwehrsystem mit dem vielsagenden Akronym Mose jemals so weit sein wird, dass Venedig vom Hochwasser verschont bleibt?

AF: Es muss welche geben. Sonst hätte man sich kaum auf den Test an der Einfahrt von Malamocco eingelassen.

P: Wo sich sonst die Containerschiffe auf ihrem Weg zum Hafen durchmogeln. Die Zufahrt hat dort eine Breite von 380 Metern und ist 14 Meter tief. Das entspricht einem Haus mit vier bis fünf Stockwerken.

AF:Nicht alle werden sich von dem Testergebnis beeindrucken lassen.

P: Dazu gehört wohl auch Petra Reski, die sich in der Rolle der Kassandra gefällt und die Leser in Deutschland wissen ließ, wer an dem Desaster schuld ist. Nämlich nur die Menschen mit ihrer neoliberalen Gier und nicht der Klimawandel.

AF. Vielleicht regt sich ja bei einigen so etwas wie ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Bilder vom überschwemmten Markusplatz zu sehen bekommen.

P: Hätte man mit einer anderen Politik das Hochwasser verhindern können? Darauf läuft es schließlich hinaus, wenn man als Schuldige die Politiker ausgemacht hat und an den Pranger stellt.

AF: Im Grunde gibt es kaum einen Unterschied, ob man Klimawandel sagt oder politisches Versagen. Schließlich haben wir einsehen müssen, dass der Klimawandel erst in Schwung kam, als die Menschen begannen, im Industriezeitalter die im Erdinneren schlummernde Energie zu verheizen. So lässt sich die Schuld auf mehrere Generationen verteilen, wahrscheinlich auch auf die kommenden.

P: Und den gewünschten Abschwung zur Beruhigung der Verhältnisse auf unserer Lagune wird die Fertigstellung des Flutwehrsystems allein kaum bringen. Oder?

AF: Deswegen bin ich unserer Kassandra sehr dankbar, dass sie in diesem Zusammenhang von Schleusen gesprochen hat, die es gar nicht gibt, aber schon längst hätte geben können.

P: Wie soll ich das verstehen?

AF: Sieh mal, mit einem Deich von etwa 70 Kilometern Länge und drei Schleusen ließe sich die Lagune zur Adria hin gegen Hochwasser abschirmen. Wir könnten damit die Lagune als Biotop und Venedig als Kulturerbe vor dem Untergang retten. Ein Deich von Jesolo bis Chioggia und drei Schleusen an den Stellen, wo zur Zeit der Schiffsverkehr zwischen Lagune und Adria stattfindet – das dürfte deutlich weniger aufwendig und weniger kostspielig sein als alles, was man bisher angestellt hat, um die Venezianer vor Acqua Alta zu schützen und die Bewahrung der Lagune als fragiles Ökosystem zu sichern.

P: Und wie ist es mit den großen Dampfern? Für die gibt es wohl kaum Schleusen, die groß genug wären.

AF: Die müssten natürlich draußen bleiben.

P: Damit ist deine Idee von der Um-Deichung der Lagune wohl gestorben. Da würdest du weder in Rom noch in Venedig Befürworter finden.

AF: Abwarten.Vielleicht hat ja das Extrem-Hochwasser im November in den Köpfen der Politiker ein Umdenken bewirkt. Vielleicht nimmt man die hehre Vorstellung von Venedig als Weltkultur- Erbe einmal ernst und macht Ernst mit einem ganzheitlichen Ansatz, auch wenn man wirtschaftliche Interessen in den Hintergrund…

P: Halt, halt. Da kann ich nur mit Petra Reski sagen „Du willst wieder Schleusen, die nie funktionieren können, weil sie nie gebaut werden.“

AF: Du meinst, man klammert sich lieber an den Glauben, dass Mose irgendwann doch noch funktioniert, auch wenn dieser Glaube schon arg zwischen Bangen und Hoffen zerrieben wird, zumal die Finanzierung der Endphase und der jährlichen Betriebskosten noch nicht hinreichend geklärt ist?

P: Was man hat, das hat man. So oder so ähnlich wird es laufen.

AF: Vielleicht naht die Rettung aus Brüssel. Die gerade in ihrem Amt bestätigte Kommissionspräsidentin der Europäischen Union hat in ihrem Katalog für die nächsten Jahre ausdrücklich auch das Hochwasser in Venedig erwähnt. Daraus lässt sich bestimmt was machen.Es kommt also nur noch darauf an, dass sich in Rom und Venedig die richtigen Leute zusammensetzen, die das Gesetz zur Rettung der Lagune aus dem Jahr 1973 endlich ernst und beim Wort nehmen. Da ist nämlich mehr drin als nur Mose, Mose, Mose. Da kann man sich richtig abarbeiten mit Projekten, die dem fragilen Ökosystem Lagune eher gerecht werden und sich nicht auf die Flutwehr für Sonderfälle beschränken.

P: Wenn es nicht wieder so lange dauert wie jetzt mit Mose, soll es mir recht sein.

AF: Bis dahin sind wir wenigstens dankbar, dass man in der EU auf unsere Probleme aufmerksam geworden ist, deren Komplexität wegen der Diskussion um Mose gar nicht mehr wahrgenommen wurde.

P: Es ist ja nie zu spät.

AF: Das wollen wir mal hoffen.