Sieht so die Zukunft Venedigs aus?

Der virtuelle Untergang der Lagunenstadt Venedig ist perfekt inszeniert (Foto R.W.)

Sind die Sorgen berechtigt, dass die Lagunenstadt Venedig absäuft – oder sagen wir es netter – untergeht, und lässt sich bei dieser Vorstellung ein Gruseln erzeugen, wenn auch nur ein leichtes? Das schafft Hito Steyerl mit ihrer opulenten Video-Installation im Arsenale nicht wirklich, und das ist gut so.

Dabei gibt es für die Biennale-Besucher den Untergang Venedigs in allen Regenbogenfarben, noch bevor sie den Raum der Inszenierung mit mehreren Videos betreten. Doch wenn sie auf den Laufstegen Platz nehmen, die hier als Sitzgelegenheit dienen, bekommen sie schnell mit, dass es mit den Vorhersagen so eine Sache ist. Man sollte also auch die Liquidation Venedigs, die hier so eindrucksvoll inszeniert wird, wie es sich für eine auf Pfählen gebaute Stadt ziemt, nicht als die volle Wahrheit verstehen, ja noch nicht einmal als den wahrscheinlichen Fall.

Denn was immer wir in Bezug auf die Zukunft erwarten, wir sollten uns auf Vorhersagen nicht verlassen. Nicht auf die Orakel, die in vergangenen Zeiten befragt wurden, aber auch nicht auf die Künstliche Intelligenz, der wir wohl eher zutrauen, dass sie uns mit Prognosen bedienen kann, auf die mehr Verlass sein sollte. Da auch die Künstliche Intelligenz darauf angewiesen ist, sich auf die Vergangenheit und die Gegenwart zu beziehen, ist sie bestenfalls in der Lage, einen mehr oder weniger wahrscheinlichen Verlauf eines bereits begonnenen Prozesses zu prognostizieren. Deshalb wird empfohlen, dass man sich doch lieber mit dem Hier und Jetzt befassen und die Gegenwart so erträglich wie möglich gestalten sollte. Mit anderen Worten: Unsere Zukunft ist schon in der Gegenwart angelegt, und wenn wir in der Gegenwart scheitern, braucht uns die Zukunft nicht mehr zu kümmern, weil es sie vielleicht gar nicht geben wird, zumindest nicht so, wie sie uns orakelt wird.

Wenn wir nach einer guten Viertelstunde genug haben von der bunten Video-Welt mit den üppig blühenden Blumen und Phantasien und beschwingt in die reale Welt zurückkehren, kann es in diesen letzten Wochen der Biennale durchaus passieren, dass uns die Laufstege, auf denen wir gerade noch gesessen haben, wieder begegnen. Dann aber als zweckdienliche Einrichtung, um bei Hochwasser trockenen Fußes in Venedigs Gassen unterwegs zu sein. Denn wir sind in der wirklichen Welt durchaus in der Lage, mit ziemlicher Sicherheit für eine Woche vorherzusagen, wann das Zusammenspiel von Flut und Ebbe mit den Launen der Herbstwinde uns Acqua Alta bescheren wird. Viel mehr aber auch nicht. Wir wissen ja nicht einmal, wann das Flut-Abwehr-System der Lagune (Mose) endlich einsatzbereit sein wird.

Hitho Steyerl (* 1966) lebt und arbeitet in Berlin. Sie gehört zu den 78 internationalen Künstlern, die auf Einladung des Kurators Ralph Rugoff sowohl den Pavillon in den Giardini wie auch das Arsenale bespielen. This is the Future (Arsenale) und Leonardo´s Submarine (Giardini) sind Arbeiten, die uns darin bestärken können, dass Skepsis eine durchaus hilfreiche Einstellung sein kann, um durchs Leben zu kommen. Wir sollten ihr dafür dankbar sein.