Verworrene Verwobenheiten im Web

An diesem Netz haben Neophila Senegalensis, Holocnemus Pluchei und Cyrtophora Citricola mitgewirkt und im Laufe der Zeit vielleicht auch einige in Venedig heimische Spinnen (Foto R.W.)

„Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel;

wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.“

So hat uns Mathias Claudius mit seinem bekannten Abendlied im 19. Jahrhundert in den Schlaf gesungen. Aber genau das lässt den argentinischen Künstler Tomás Saraceno nicht schlafen, der zu den 78 Künstlern gehört, die der Kurator der 58. Kunstbiennale, Ralph Rugoff, nach Venedig eingeladen hat. Er zeigt uns, was Spinnen bedeutet, und zwar in der doppelten Bedeutung des Wortes, das für die Tiergattung Arachniden steht wie für die Tätigkeit, mit der diese Tiergattung dafür sorgt, dass ihre Nahrung sich im gesponnenen Netz verfängt.

Bei Saraceno geht es nämlich nicht um Luftgespinste, sondern um sehr handfeste und zukunftsorientierte Alternativen zu unserem bisherigen Umgang mit dem Leben auf diesem Planeten. Das Spinnen von Netzen übersetzt der Künstler in eine kollaborative Nutzung der verschiedensten Disziplinen der Wissenschaft, die vernetzt werden, um völlig neue Sicht- und Handlungsweisen zu erproben, die – wenn sie genügend Zuspruch finden – uns stolze Menschenkinder (immer noch Claudius) dazu bringen könnten, mit unserem Planeten pfleglicher umzugehen. Wie wichtig, ja existenziell das inzwischen ist, konnte Herr Claudius vor mehr als hundert Jahren noch nicht wissen. Das von Saraceno gesponnene Netz (das in seinen Veröffentlichungen immer Web genannt wird) hat wenig mit dem zu tun, was uns sonst durch den Alltag begleitet, wenn wir zu jeder Tageszeit die Tweets und Likes abrufen, von denen ja immer wieder welche es auch in die Politik schaffen.

Also wieder einer dieser Künstler, die als Weltverbesserer auftreten und unser schlechtes Gewissen füttern? Eher im Gegenteil. Er macht uns Hoffnung, dass es sich lohnen kann, wenn wir nicht tatenlos zusehen, wie die Welt im Anthropozän hängen bleibt, sondern uns auf Überlegungen einlassen, wie man da wieder rauskommt. Dazu müssten wir uns allerdings auf die „Spinnereien“ von Künstlern einlassen, die für die nötigen Impulse sorgen und uns motivieren, neue Netzwerke entstehen zu lassen. In solchen Netzwerken geschieht unter anderem schon ein Austausch von Erkenntnissen aus den unterschiedlichen Forschungsgebieten und Erfahrungsbereichen, die sonst wohl „unentdeckt“ geblieben wären. Dabei wird zunehmend deutlicher, dass ein Post-Anthropozän nur gelingen kann, wenn der Raubbau an den Ressourcen der Erde aufhört und stattdessen ein kollaborativer Umgang mit den Lebensformen und ihren diversen Lebensbedingen eingeübt wird. Nicht zuletzt für die Spinnen, die weltweit mit über 30 000 Arten vorkommen. Was kann dem die Art des Homo Sapiens entgegensetzen?

Seine 2015 gegründete Aerocen Foundatation ist offen für neue Ideen und Menschen, die diese Ideen fortspinnen. Zum Beispiel bei der Luftfahrt. In München haben diesen Sommer die Menschen erleben können, wie schadstoff-freie Mobilität ohne fossile Brennstoffe geht. Das Aerocene Festival auf dem Olympiaberg hat gezeigt, wie Aerosolar-Skulpturen sich in der Luft bewegten, die ausschließlich auf Sonnenwärme, Luft und Thermodynamik angewiesen waren. Das Luftzeitalter ist damit noch nicht erreicht, aber die Anfänge, die in München und zuvor schon in Barcelona, Esperance (Australien), Cambridge Mass. (USA) und in einem Wüstengebiet in Argentinien zu erleben waren, lassen hoffen. Doch machen wir uns nichts vor: Angesichts der Tatsache, dass Tag für Tag Millionen Menschen in tausenden Flugzeugen über den Wolken unterwegs sind, wird es wohl noch etwas dauern, bis sich daran etwas ändert.

Die Installationen, mit denen der in Berlin lebende Künstler auf sich und seine Projekte aufmerksam macht, sind sowohl in den Giardini wie im Arsenal an prominenter Stelle aufgebaut.

Vor dem Eingang zum Hauptpavillon befindet sich eine fensterlose Hütte, in der man ein ausladendes Spinnennetz zu sehen bekommt. Im Arsenale kann man sich über einen schwimmenden Steg auf dem Bacino bis zu einer luftigen Wolkenskulptur vorarbeiten und bekommt dort auch erklärt, wie die Beschaffenheit der Luft, der Wind und die Sonne zusammenwirken und die Bedingungen schaffen, die eine emissionsfreie Mobilität ermöglichen. Für die Vögel reicht´s ja schon. Beide Installationen sprechen weniger für sich selbst. Sie sind vielmehr als Hinweise und Anregungen zu verstehen, sich mit den dort angestoßenen Problemen zu beschäftigen. Man muss also schon die Bereitschaft mitbringen, sich an den Stichworten abzuarbeiten, die einem dargereicht werden. Doch es lohnt sich.