Vom Gondeln und vom Dieseln

Vorn wird gegondelt, dahinter gedieselt (Fotos R.W.)

Wer in Venedig unterwegs ist, hat die Wahl zwischen dieseln und gondeln. Beide sind als Verben der Bewegung zu verstehen, zu denen auch gehen, laufen, innehalten und manches andere gehört, mit dem man das Verhalten von Besuchern beschreibt, die in der Stadt mit ihren vielen Kanälen herumkommen. Dabei gibt es zwischen den mit Menschenkraft bewegten Gondeln und den mit Dieselmotoren angetriebenen Vaporetti signifikante Unterschiede. Am augenfälligsten ist der Einsatz von Energie. In der Gondel schafft es ein Mensch, aus eigener Kraft ein Boot von mehr als zehn Metern Länge mit sieben Personen einschließlich Gondoliere durch Venedigs Kanäle zu steuern. Und das mit einem Gesamtgewicht von knapp einer Tonne, wenn alle Sitzplätze in der Gondel belegt sind. Im Vaporetto braucht es einen Dieselmotor, der in Bezug auf Lärm- und Luftbelastung nicht den besten Ruf hat, dafür aber bis zu 200 Fahrgäste von Haltestelle zu Haltestelle befördert.

Zwischen den beiden Arten der Mobilität liegen einige Jahrhunderte, in denen sich alles abspielte, was in Venedig bis heute nachwirkt und sicher auch noch in die Zukunft hineinwirken dürfte. Dabei waren Gondeln nicht immer die erste Wahl, wenn sich Patrizier und reiche Kaufleute bei der Zurschaustellung ihres Reichtums etwas leisten wollten. Es gab auch Zeiten, da kamen diese Herren hoch zu Ross über die Gassen daher. Doch nach und nach setze sich die Gondel durch. Man brauchte für sie keinen Pferdestall, kein Futter und keinen Pferdepfleger und konnte sich mit prunkvoll ausgestatteten Wasserfahrzeugen von den Herrschaften auf dem Festland unterscheiden. So ist die Gondel noch bis heute so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal für die Kulturgeschichte Venedigs.

Aus den Unterlagen zur Geschichte Venedigs geht hervor, dass Gondeln schon im 11. Jahrhundert auf den Kanälen unterwegs waren. Diese Gondeln waren wohl etwas kürzer als die, die wir heute auf den Kanälen sehen. Abgesehen davon, dass sie heute auf der linken Seite (wo der Gondoliere stehend seine Arbeit verrichtet) etwas länger und etwas höher sind als auf der rechten, wodurch die Manövrierfähigkeit verbessert wurde, gleichen sie den historischen Exemplaren weitgehend. Die Materialien für den schlanken Rumpf und für die Ausstattung sind seit den Anfängen die gleichen: acht diverse Holzarten, aufwendige Schmiedearbeiten und Ausstattungen für die Sitze und kunstvoll gestaltete Aufbauten an Bug und Heck. Bis in die heutige Zeit sind zehn Berufe von der Holzbearbeitung über die Schmiedekunst bis zu Schneidern und Polsterern beschäftigt, bis nach etwa einem Jahr eine Gondel ihrem neuen Besitzer übergeben werden kann. Allerdings kommen in jüngerer Zeit auch Sündenfälle beim Einsatz von Materialien vor. So gibt es inzwischen viele neue Gondeln, in denen Sperrholz anstelle von Zuschnitten aus gewachsenem Holz verwendet wurde. Aber auch dann ist man mit einer Gondel immer noch sehr umweltfreundlich unterwegs. Nur für den Massentransport ist sie völlig ungeeignet.

Dafür gibt es ja auch die Vaporetti, die heute immer noch so heißen wie die Dampfschiffe, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Canal Grande befuhren. Das Unternehmen ACTV hat über tausend Beschäftigte und sorgt mit einer Flotte von rund 200 Dieselschiffen, die in in ihren Maßen auf die Bedingungen der Kanäle abgestimmt sind, für die Mobilität und die Erreichbarkeit der diversen Sehenswürdigkeiten und Inseln auf der Lagune. In Venedig werden 140 Haltestellen angesteuert, die Vaporetti bieten Platz für bis zu 210 Personen (Sitz- und Stehplätze), und mit 24 Metern Länge beanspruchen sie deutlich weniger Platz auf dem Wasser als Gondeln. Um 210 Fahrgäste auf Gondeln zu verteilen, brauchte man 30 Gondeln. Das kommt in der Praxis nicht vor und dürfte wohl auch in der Geschichte nicht der Fall gewesen sein.

In der heutigen Zeit begnügt man sich mit einigen hundert Gondeln. In den vergangenen Jahrhunderten waren es deutlich mehr. Ob es wirklich einmal zehntausend gewesen sind, wie uns ein Hinweis für das Jahr 1580 glauben machen will, lassen wir dahingestellt. Plausibler ist die Zahl von 1500 Gondeln für das 18. Jahrhundert. In einer von diesen ist wohl auch unser Dichter aus Weimar durch die Kanäle von Venedig geschaukelt worden. Die sechshundert Gondoliere, die mit ihren Fahrzeugen die Touristen als Pärchen oder als Gruppen durch das Gewirr von Kanälen manövrieren, Tag für Tag und bei jedem Wetter, machen wohl ein gutes Geschäft. Ja, man kann gelegentlich von den Venezianern hören, dass diese Berufsgruppe in der Stadt zu den Großverdienern gehört. Es sei ihnen gegönnt. Schließlich verdanken sie diesen Reichtum ihrer Arbeit mit ganzem Körpereinsatz. Und sie haben es wirklich nicht leicht, sich angesichts des chaotischen Verkehrs auf den Hauptstrecken gegen die vielen Motorfahrzeuge zu behaupten.

Neben den Gondolieri, die sich Tag für Tag mit den Touristen einlassen, gibt es in dieser Berufsgruppe auch welche, die sich darum kümmern, die Tradition zu pflegen und die Professionalität bei der Nutzung einer Gondel zu demonstrieren. Es gibt jedes Jahr ein Fest, das sich Regata Storica nennt. Bei diesem Fest geht es weniger darum, Touristen zu bespaßen. Vielmehr feiern die Venezianer sich selbst und ihre seit Jahrhunderten eingeübten Fertigkeiten im Umgang mit den diversen Booten, also auch mit den Gondeln. Ihr Auskommen verdanken sie allerdings überwiegend dem Umstand, dass es genügend Besucher gibt, die sich den Luxus einer Fahrt in der Gondel gönnen. Keine andere Berufsgruppe ist so auf den Tourismus fixiert wie die der Gondolieri. Indirekt trifft dies auch auf die Zunft der Gondelbauer zu, die wenig zu tun hätten, wenn die Gondeln ihren Zweck als Transportmittel eines Tages ganz verlieren sollten.