Da fehlen uns die Worte

In dem Napoleonischen Flügel neben der Kirche San Giorgio auf der gleichnamigen Insel wurde in diesen Tagen eine neue Ausstellung mit Arbeiten des Konzeptkünstlers Emilio Isgrò eröffnet. Isgrò ist für die italienische Kunstszene – und vielleicht auch für die der Welt? – kein unbeschriebenes Blatt. Dabei hat er sich genau mit dem gegenteiligen Verhalten einen Namen gemacht: Er hat beschriebene und bedruckte Blätter unleserlich gemacht, indem er die Wörter durchstrich und nur einige in dem Verhau von Streichungen stehen ließ, die sich so mit einer neuen Bedeutung aufladen ließen.

Wie das funktioniert, kann man jetzt in den genannten Räumen erleben und macht dabei recht anregende Erfahrungen. Anfangs versucht man vielleicht noch, auf den durchgehend von oben bis unten mit Texten tapezierten Wänden die verschwommenen Sätze zu lesen, weil man am Eingang erfahren hat, dass es sich um Seiten aus Herman Melvilles Roman Moby Dick handelt. Dabei bildet das vergrößerte und gerade noch lesbare Schriftbild lediglich das Buchstabenmeer, auf dem die sogenannten „Cancellature“ daherkommen, wie Schiffe aus dem Nebel falscher oder fragwürdiger Erkenntnisse. Mit diesen Durchstreichungen hat Isgrò sich seit den 60er Jahren befasst. Eine Auswahl ist nun in der als Werkschau konzipierten Ausstellung zu sehen.

Wenn man sich als Besucher auf das Spiel einlässt, in den Durchstreichungen neue Bedeutungen zu entdecken, kann man eine vergnügliche Stunde erleben und sich auf den Wellen von Melvilles Roman in unbekannte Gefilde schaukeln lassen, ohne sich verschaukelt zu fühlen. Dabei wird man immer wieder gewahr, wie orientierungs- und hilflos man wäre, hätte man die Welt nicht immer wieder mit Worten und Buchstaben geordnet. Das fällt besonders auf bei den Globen und Landkarten, auf denen alle Namen durchgestrichen sind. Oder doch nicht? Und wirklich – es gibt da einen Globus mit durchgestrichenen Namen, bis auf einen. Welchen? Nicht schwer zu erraten. Wir sind in Venedig. War das Vorsehung oder Zufall? Es bleibt uns überlassen, wie wir es sehen wollen.

Ein anderes Beispiel, bei dem man sich zwischen himmlischer Einmischung und Zufall entscheiden darf, ist ein sehr umfangreicher Zeitungsausschnitt aus dem Wirtschaftsteil, auf dem die Staatsverschuldung Italiens behandelt wird. Geht man von dem aus, was der Durchstreichung entgangen ist, braucht man sich um die Regierung in Rom keine Sorgen zu machen. Die Staatsverschuldung ist auf einige Nullen zusammengeschrumpft. Wie konnte es zu diesem Wunder kommen? Möglicherweise hat Beten geholfen. Denn zwischen all den Durchstreichungen ragt ein gut lesbarer Satz aus dem Vaterunser heraus: Herr, vergib uns unsere Schuld(en) Et dimitte nobis debita nostra.

Also freuen wir uns, dass wir in Venedig bis Ende November 2019 eine Ausstellung zu sehen bekommen, bei der man – zumindest auf der Ebene der Ironie – mit ermutigenden Lösungsansätzen konfrontiert wird.