Soll ich glauben, was ich sehe?

Da kann man sich verheben (Foto R.W.)

Die Müllsammler in den Giardini der Biennale wunderten sich nicht schlecht, als sie die schwarzen Plastiksäcke abtransportieren wollten, die neben dem Eingang zum Zentralpavillon abgestellt waren. Doch einige Tage nach Eröffnung der Biennale hatte sich bei ihnen herumgesprochen: Das sind keine Plastiksäcke, sondern Marmorskulpturen, die nur so tun, als wären sie Müll. Das geflügelte Wort „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ wäre hier fehl am Platze.

Nicht gerade kuschelweich (Foto R. W.)

Ähnlich erging es mir im Arsenale auf dem Freigelände, das auch ohne Biennale-Ticket zugänglich ist. Man erlebt da eine grüne Oase mit hohen Bäumen, auf der einige Exponate verteilt sind. So  gibt es eine klassizistische Fassadenfront mit nichts dahinter, auf der über die ganze Breite die Buchstaben NEVERLAND prangen, aus dem Turm neben der Zufahrt zum Bacino schallt Musik, die zu dem Video von Cyprien Gaillard gehört, der uns vorführt, wie man in New York verschrottete U-Bahn-Wagen entsorgt. Aber diese Bank! Hatte ich die bisher übersehen? Da hat wohl jemand, der es sich mit Decke und Kissen bequem gemacht hatte, die Flucht ergriffen, als es zu regnen begann. Doch bei näherem Hinsehen wird mir klar: Auch hier handelt es sich um Marmor, der nur so tut, als wäre er Wolldecke und Kissen. Und der Mensch, der diese Lagerstatt verlassen hat, existiert wohl auch nur in meiner Vorstellung.

Dieses Verwirrspiel mit der Wahrnehmung haben wir Ralph Rugoff, dem Kurator der diesjährigen Biennale, zu verdanken, der uns Interesting Times versprochen (oder angedroht?) hat. Er hat den Künstler Andreas Lolis aus Athen nach Venedig gelockt, und mit ihm noch über siebzig andere, die nun so wie Lolis sowohl in den Giardini wie im Arsenale gesucht und entdeckt werden wollen. Im Fall Lolis kann ich sagen: zweimal Heureka! Und wer das Heureka anschwellen lassen will, findet im Internet noch zahlreiche andere Beispiele, mit denen Lolis den banalen Dingen um uns herum, die wir kaum noch wahrnehmen, einen neuen Wert, ja eine gewissen Weihe verleiht. Der Trompe-l´oeil-Effekt, der sich bei Malern des Manierismus einer gewissen Beliebtheit erfreute – dank Lolis bekommt er die dritte Dimension, und das ganz real und ganz materiell, unabhängig von unserer Wahrnehmung.