Mare Nostrum? Male Nostrum! Ein Buchstabe macht den Unterschied

Das übliche Gedränge im Passagierhafen Venedigs (Foto R.W.)

Wer die Nachrichten der vergangenen Jahre zum Thema Migration verfolgt hat, wird sich noch erinnern, dass es da auch um Mare Nostrum ging. Mit diesem Begriff wurde eine Operation der italienischen Marine und der Küstenwache von Sizilien bezeichnet, die ein Jahr lang (von Oktober 2013 bis Oktober 2014) in Seenot geratenen Migranten und Flüchtlingen das Leben rettete. Insgesamt waren es rund 150 000 Menschen, die so nach Italien kamen. Sicherlich ein Albtraum für den scheidenden Innenminister Italiens, der sich während seiner kurzen Amtszeit nach Kräften darum bemüht hat, Operationen wie Mare Nostrum zu verhindern.

Es braucht nur einen Buchstaben, den man austauscht, und schon ist die Erzählung von der Seenotrettung in einem ganz anderen Fahrwassser unterwegs. Das hat die italienische Zeitung Corriere della Sera mit der Headline Male Nostrum geschafft. In dieser Erzählung wird uns vorgeführt, was für Dreckschleudern die Kreuzfahrtschiffe sind, die rings um Europa und im Mittelmeer die Hafenstädte ansteuern und dort die Luft verpesten. Der Beitrag bezieht sich auf Zahlen aus dem Jahr 2017, die die europäische Dachorganisation von Umweltverbänden mit Schwerpunkt Transport und Environment (T&E) in einer Studie veröffentlicht hat. Das Institut hat auch schon die Zahlen zum Thema Dieselgate geliefert.

So ist im Corriere della Sera zu lesen, dass insgesamt 203 Kreuzfahrtschiffe es schafften, mehr umweltbelastende Substanzen (Stickoxyde, Schwefeloxyde, Feinstaub, CO2) zu erzeugen als die 260 Millionen Fahrzeuge, die in Europas Städten unterwegs sind. Allein die Reederei Carnival, die größte in diesem Segment, belastete die Städte mit zehnmal größeren Mengen an Schwefeloxyd als alle Motorfahrzeuge in Europa auf dem Land zusammen. Von dieser Belastung sind in Italien zehn Hafenstädte besonders betroffen. Und ganz besonders Venedig.

In Venedig haben im Jahr 2017 insgesamt 68 Kreuzfahrtschiffe während ihres Aufenthalts im Hafen ihre Motoren in Betrieb gehabt und damit die Emissionen fortgesetzt, die sie während der Kreuzfahrt hinter sich gelassen hatten. Insgesamt kamen während der Liegezeit 8000 Betriebsstunden zusammen, die zur Stromversorgung nötig waren. Dabei wurde die zwanzigfache Menge belastender Substanzen in die Luft geblasen, die normalerweise in Venedig – selbst unter Einschluss der Festlandregion Mestre und Marghera – als Emission registriert wurde.

Dabei, so wird uns erklärt, geht es auch anders. So gibt es das sogenannte „cold ironing“ schon seit Jahrzehnten. Darunter ist zu verstehen,dass die im Hafen liegenden Schiffe von der dort vorhandenen Stromversorgung Gebrauch machen, um ihren Strombedarf zu decken (sofern dort eine entsprechende Einrichtung besteht). In Göteborg macht man es so schon seit 1999.

Und in Venedig? Da kann man doch glatt auf den Gedanken kommen, dass es einen Zusammenhang mit der ständig sinkenden Einwohnerzahl in Venedig geben könnte. Vielleicht ziehen die Leute fort, weil sie lieber dort leben, wo die Luftbelastung geringer ist? Vielleicht kommt jemand darauf, dem Begriff Lebensqualität in der Prioritätenliste der Maßnahmen einen besseren Platz einzuräumen? Vielleicht ist das auch der Hintergedanke, der die Autoren im Corriere della Sera beflügelt hat? Schließlich findet sich der Beitrag Male Nostrum in der Ausgabe vom 3. September 2019 in der Abteilung „BUONE NOTIZIE“. Auch wenn die gute Nachricht aus Venedig noch auf sich warten lässt, sollte man die Hoffnung nicht aufgeben.