Ein Korallenriff am Canal Grande

Das Biotop, das ohne einen Tropfen Wasser auskommt (Foto R.W.)

Nein, das ist kein Beifang von einem Fischkutter. Auch nichts, was man achtlos ins Meer gekippt hatte und nun wieder mühevoll einsammeln musste. Was wir hier zu sehen bekommen, hat noch keinen Konsumprozess durchlaufen. Es ist vielmehr Plastikmaterial, das sozusagen ganz jungfräulich in die Hände eines Künstlers geriet, bevor es den üblichen Weg vom Hersteller über den Handel an den Verbraucher und von dort weiter bis zum Mülleimer durchlaufen hatte. Dieser Künstler hatte wohl im Sinn, ein Kunstprodukt herzustellen, das den Plastikprodukten eine völlig neue Rolle zuweist. Wie man unschwer erkennen kann, handelt es sich um eine Inszenierung, die den Betrachter an die Vielfalt des Lebens im Meer erinnern soll.

Ein Biotop, eine „tropische Oase unter Wasser“, die ohne einen Tropfen Wasser auskommt und doch so erstrahlt wie die Krusten- und Schalentiere, die gemeinsam ein Korallenriff darstellen. Was die Farbenvielfalt betrifft, steht das trockene Korallenriff dem im Salzwasser lebenden in nichts nach, übertrifft es möglicherweise sogar. Bei genauerem Hinsehen kann man feststellen, dass hier so gut wie jeder Plastikartikel, dem wir in unserem Lebensalltag begegnen, bei der Darstellung dieses Meeresbiotops seine Rolle gefunden hat. Teelöffel, Becher, Trinkhalme, Teller, Deckel, Feuerzeuge, Untersetzer, Folien – sie alle bilden hier eine ganz neue farbenprächtige Gemeinschaft.

Und wenn wir immer wieder hören müssen, dass in vielen Meeren das Weltnaturerbe in Gefahr ist, da denken wir doch gleich an das Great Barrier Reef an der Westküste Australiens. Zudem bekümmert uns auch, wie viel Plastik inzwischen in unseren Meeren herumschwimmt. Leider ist uns bisher noch keine praktikable Lösung für das Problem der Vermüllung der Meere eingefallen. Dafür gibt uns das Plastik-Biotop, das zur Zeit in Venedig zu bewundern ist, doch so etwas wie Hoffnung. Der Mensch kann, wie man hier sieht, auch für schlimme Fälle vorsorgen, indem er da, wo die Natur kränkelt, mit ein bisschen Kunst aushilft. Ein Stück Natur-Prothetik und schon ist der Verlust von Korallenriffen leichter zu verschmerzen . Ja, ja, so sind wir der Natur immer einen Schritt voraus.

Federico Uribes Plastic Coral Reef ist während der Biennale im Palazzo Bembo am Canal Grande in der Nähe der Rialto-Brücke zu sehen. Zwar heißt es im Begleittext, es sei gebrauchtes Material und Plastikmüll verwendet worden, was ich zu bezweifeln wage.