Eine Entstehungsgeschichte des Lebens

Die lebenden Steine in Australien (Fotos R.W.)

Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Menschheit nach Jahrtausenden zu berechnen. Dabei ist das Leben des einzelnen Menschen deutlich kürzer. Wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre, wie man schon im Buch der Bücher lesen kann. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn man sich gern vorstellt, es irgendwann in den Bereich der dreistellige Ziffer zu schaffen (koste es was es wolle). Doch nicht nur das unsere, alles Leben auf dem Planeten Erde ist endlich. Das ewige Leben muss sich in anderen Sphären abspielen, wenn überhaupt.

Damit müssen wir uns irgendwie abfinden. Das Aussterben von Tier- und Pflanzen-Arten gehört zur Evolution, wir erleben es bis heute und können es als einen natürlichen Prozess verstehen, sofern wir die Eingriffe der Menschen in das Leben von Tieren und Pflanzen mit den bekannten Folgen als natürliches Verhalten ansehen. Ob dann irgendwann auch das Ende der Menschheit als natürlicher Prozess oder als menschengemachter Unfall der Evolution zu werten sein wird, kann uns gleichgültig sein.

Schließlich geht es nicht um Jahrtausende, sondern um Milliarden Jahre, wenn wir uns zu den Anfängen des Lebens vortasten wollen. Dazu gibt es eine Gelegenheit, die nicht nur erhellend, sondern auch noch unterhaltsam ist. Gemeint ist die Installation mit Namen „Living Rocks“, die wir während der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig zwei Künstlern aus Australien verdanken. Da werden wir innerhalb einer Viertelstunde in Zeiten versetzt, die vor Milliarden Jahre begannen und immer noch andauern. James Darling und Lesley Forwood haben in der Salzempore am Giudecca-Kanal eine Geschichte der Thromboliten eingerichtet, die uns mit opulenten Bildsequenzen in längst vergangene Zeiten mitnimmt, als es auf der Erde noch keine Menschen gab. Für Menschen von heute ein neues und sehr erholsames Erlebnis, sich eine Welt vorzustellen, in der unseresgleichen noch keine Spuren hinterlassen hat.

Thromboliten sind Mikroorganismen, die sich in seichtem Brackwasser vermehren und zusammenballen, so dass wir Menschen sie für Steine halten können. Sie gehören wohl zu den ersten Lebensformen, die schon seit drei Milliarden Jahren auf dem Planeten existieren und bis heute nicht ausgestorben sind, während so viele andere Lebensformen nur noch als Fossilien existieren. Thromboliten kommen noch bis heute im Südosten Australiens vor. Sie wurden 1829 in der Nähe des Meeres in einem flachen Gewässer entdeckt, das heute den Namen Lake Clifton trägt. Die Organismen vermehren sich in dem Gewässer und wachsen zu gesteinsartigen Gebilden zusammen, die auf diese Weise einige Jahrhunderte überdauern können. Die lebenden Steine im Lake Clifton, um die es bei der Ausstellung in Venedig geht, sind wohl schon 2000 Jahre alt.

Was wir in diesen Monaten bis November in Venedig zu sehen bekommen, sind nicht die lebenden Steine selbst, sondern Kunstprodukte in Gestalt der Original-Steine. Es handelt sich um bizarr geformte Wurzeln eines Eukalyptusbaums, der ebenfalls in Australien vorkommt. Die bei Rodungen gewonnenen Wurzeln wurden so angeordnet, dass sie die Rolle der lebenden Steine übernommen haben, wo wir sie nun in einem 30 Meter langen Kanal, gefüllt mit dem Wasser der Lagune, vorfinden. Während wir als Zuschauer entspannt auf der einen Seite des Kanals sitzen und uns von den Klängen eines Streichquartetts umschwebt werden, dehnt sich gegenüber eine karge Landschaft, menschenleer, ausgesetzt dem ewigen Wechsel von Tag und Nacht, Blitz und Donner, Eruptionen von Vulkanen – allem, was die Natur zu bieten hat. Eine anregende Video-Inszenierung, die uns als Betrachter in eine völlig andere Welt mitnimmt, in der die Zeit noch nicht das Maß aller Dinge war.

James Darling und Lesley Forwood geben uns eine gute Viertelstunde für die Auseinandersetzung mit unermesslich viel Zeit, die wir uns im Unterschied zur selbst erlebten Zeit nur in der Vorstellung vergegenwärtigen können, unabhängig davon, ob sie schon längst vergangen ist oder noch kommen wird. Das ist es, was sie uns vermitteln wollen, wenn wir uns auf die Geschichte mit den lebenden Steinen einlassen:

A memory of our origin and a prophesy of our future.

The price of entry is departure.

Not now, not this instant, but in the time scale of the planet, it´s inevitable.

Recognizing fragility is the human imperative the world over.

We arrive, we enter.

The seed that is sown carries departure, the exit that was born with beginning.

Can it be any other way?

Bei Goethe hörte sich die Antwort noch zuversichtlich an, weil er uns mit Stirb und werde so etwas wie ein Hintertürchen offen ließ, um der Frage nach dem Ende auszuweichen. Oder wir halten es mit Hesse, der von jedem Anfang so verzaubert zu sein schien, dass ein Ende bei ihm gar nicht zur Sprache kam. Da sind unsere australischen Künstler mehr auf der Höhe der Zeit, wenn sie uns mit der Erkenntnis zurücklassen, dass es vielleicht besser sein könnte, bei jedem Anfang auch das Ende zu bedenken, das unausweichliche. Nicht alle bekommen dafür so viel Zeit wie die Thromboliten.

Living Rocks, A Fragment of the Universe

Magazzini del Sale n. 5, Dorsoduro

Biennale Venedig 2019

darlingandforwood.com

Venice Art Factory