Gut gemeint – aber auch gut genug?

Hier sind wir auf der richtigen Seite der Mauer (Fotos R.W.)

Nicht alle von uns sind dazu ausersehen, Flüchtlingen, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen, das Leben zu retten, und das oft unter Einsatz des eigenen Lebens. Helene Duldung wird uns das nachsehen. Doch irgendeine Einstellung zu den globalen Herausforderungen unserer Zeit wird uns abverlangt. Die Flucht von Millionen Menschen kann uns nicht gleichgültig sein, weil dabei auch Auswirkungen auf unser eigenes Leben unvermeidlich sind.

Auch Künstler sind davon nicht ausgenommen, umso weniger, wenn sie sich die These zu eigen machen, dass die Kunst alles darf. Zur Zeit erleben wir dazu einige Beiträge auf der Kunstbiennale in Venedig. Ein Fischerboot, in dem Hunderte Menschen ums Leben kamen, ist als Wrack am Hafenbecken des Arsenale aufgebockt. Im Pavillon der Bundesrepublik Deutschland erlebt der Besucher, wie einfach man sich die Unterscheidung machen kann bei Menschen, die auf der richtigen Seite leben, und solchen, die sich auf der falsche Seite befinden und alles daran setzen, auch auf die richtige Seite zu kommen. Ob es nun Künstler sind oder Politiker oder Besucher einer Kunstausstellung mit Anspruch – die Tatsache, dass wir weltweit beobachten, wie Menschen ihre Heimat verlassen (sagen wir mal so ganz ohne politische Festlegung) und versuchen, anderswo ein neues Leben zu beginnen, ist für sich genommen unstrittig. Nur wie der einzelne damit umgeht, als Politiker, als Künstler, als Besucher, kann sehr unterschiedlich sein. Was die Künstler, die im Auftrag der deutschen Bundesregierung den Pavillon in Venedig bespielen, in Bezug auf die unstrittigen Tatsachen vermitteln, ist ebenfalls unstrittig und nicht gerade neu. Welche Folgerungen sie aus diesen Tatsachen ziehen und welche Anregungen sich daraus für die Besucher ergeben könnten, ist nicht erkennbar.

Das großzügig dimensionierte und hohe Bauwerk des deuschen Pavillons aus dem letzten Jahrhundert ist in seinem Inneren in zwei Bereiche geteilt, die durch eine hohe Mauer getrennt sind, die bis an die Decke reicht. Das Gebäude kann man nur über die Seiteneingänge betreten und ist dort mit einer grob verputzten grauen Mauer konfrontiert, die man als Staudamm, Flutwehr und unüberwindliche Barriere verstehen darf, und es fällt wohl keinem Besucher allzu schwer, sie als Symbol der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union zu verstehen. So erschließen sich auch die Gesteinsbrocken auf der einen Seite als die EU-Länder, die sich auf der richtigen Seite der Mauer befinden, nämlich da, wo die Menschen hinwollen, während die auf der falschen Seite der Mauer alle Risiken auf sich nehmen, um irgendwie doch noch die richtige Seite zu erreichen. Dabei kann man auf keiner Seite sicher sein, dass alles so bleibt, wie es zur Zeit ist. Wer auf der richtigen Seite ist, lebt in der trügerischen Hoffnung, dass die Mauer die Flüchtlingsflut aufhalten wird; wer auf der falschen Seite ist, lebt in der trügerischen Hoffnung, dass es irgendwie irgendwann gelingen wird, auf die richtige Seite zu kommen, whatever it takes. Man verzeihe mir die Anleihe beim EZB-Präsidenten aus einer ganz anderen Inszenierung.

Wer hier als Besucher vorbeikommt und sich dem Anblick der hohen Mauer aussetzt, von der richtigen Seite, bitteschön, gehört aller Wahrscheinlichkeit nach ohnehin zu denen, die schon immer auf der richtigen Seite waren und damit kein Problem haben, wenn es so bleibt. Was den anderen – denen auf der falschen Seite – widerfahren kann, wird in einem Nebenraum angedeutet. Dieser Nebenraum ist einer Gruppe von Menschen gewidmet, die als illegale Arbeiter bei der Tomatenernte in Süditalien beschäftigt waren und bei einem Unfall in dem Transporter ums Leben kamen, der mit Tomaten und Menschen beladen unterwegs war. So kann es gehen, wenn der Übergang von der falschen zur richtigen Seite unter keinem guten Stern steht.

Was hat die Kunst mit dieser Installation bewirkt, was ohne sie nicht oder nicht so eindringlich vermittelt worden wäre? Hat sie uns aufgerüttelt, nachdenklich gemacht, hat sie uns dazu gebracht, neue Fragen zu stellen, die uns betreffen, das Verhalten der Mitmenschen, der Mächtigen und Ohnmächtigen? Nichts von alledem, oder kaum etwas davon. Vielleicht ist dazu einiges in dem dickleibigen Katalog zu finden, den man kaum vorher durchgearbeitet hat, bevor man sich in den Pavillon begibt. Helene Duldung, die schon bei der Eröffnung der Ausstellung auf den Katalog verwies, steht uns für weitere Fragen wohl nicht zur Verfügung, und Natascha Süder-Happelmann, deutet mit ihrer Trillerpfeife vor der Brust an, dass sie sich wohl mit denen solidarisiert, die auf der falschen Seite der Mauer mit schrillen Tönen unsere Aufmerksamkeit suchen. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Ausstellung: Trillerpfeifen allein werden nicht ausreichen, um das Flüchtlingsproblem in Europa zu lösen, da muss uns allen, die wir schon auf der richtigen Seite leben, noch etwas mehr einfallen. Nur was?

Man kann sich weitere Einzelheiten im Zusammenhang mit der Installation im deutschen Pavillon auch noch online ansehen:http://www,deutscher-pavillon. org