Zweiter Versuch mit Jakobsleiter auf San Giorgio

Diesmal stimmt die Richtung: Vom Himmel hoch (Foto R.W.)

Es ist schon acht Jahre her, da hat der international erfolgreiche Künstler Anish Kapoor sich in Venedig mit einer seiner spektakulären Installationen in himmlische Gefilde gewagt. Während der Kunst-Biennale im Jahr 2011 sollten Besucher des von Palladio entworfenen Doms auf der Insel San Giorgio in den Genuss einer Himmelfahrt kommen. Ascension, so nannte sich Kapoors Veranstaltung. Nicht gerade so eine, wie man sie in der Frari-Kirche in dem Altarbild von Tizian vorgeführt bekommt, aber vielversprechend genug. Schließlich ragten Elemente der Installation bis unters Kirchendach und darüber hinaus ins Freie. Also durfte man gespannt sein, was es mit dieser Himmelfahrt auf sich hatte.

Daraus wurde aber nichts. Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung schlug ein Blitz ein, und die Himmelfahrt war abgesagt. Fühlte die Heilige Dreieinigkeit sich herausgefordert und wollte uns zeigen, dass man sich da oben noch immer vorbehielt, wer wann in den Himmel kommt? Wie auch immer, der Künstler ließ sich nicht einschüchtern. Die Installation war in den Jahren davor und danach noch an anderen Orten der Welt zu erleben: in Rio de Janeiro, Sao Paolo und auch Peking. Es ist nicht bekannt, dass die Dreieinigkeit sich auch dort eingemischt hätte.

In diesem Jahr haben wir als Besucher der Biennale wieder Gelegenheit zu erleben, wie am gleichen Ort ein weiterer Versuch unternommen wird, dem Himmel näher zu kommen. – diesmal mit der Errichtung einer Jakobsleiter, die bibelfeste Menschen mosaischen und christlichen Glaubens wohl als Gründungsmythos des erwählten Volks Israel verstehen dürften. Mitten im Kirchenschiff steht eine zehn Meter hohe Skulptur, die wie ein Stapel farbiger Kisten fast das Kirchendach erreicht. Ihr Schöpfer ist der in Irland geborene Sean Scully. Sie repräsentiert eine Schlüsselszene aus der Geschichte des Volkes Israel – Jakobs Traum von der Leiter oder Treppe, auf der sich Gott zeigte und erklärte, was er dem Volke Israel zumuten wollte: „durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden“ ( 1. Buch Mose, Kapitel 28, Vers 14).

Diese Skulptur hat den göttlichen Zorn nicht auf sich gezogen, jedenfalls bisher nicht. Wie man einige tausend Jahre später weiß, ist aus dem göttlichen Versprechen für das Volk Israel nichts geworden, und auch der Versuch der Evangelisten, die Christenheit als neue Zielgruppe für das göttliche Versprechen ins Spiel zu bringen, hat nichts daran geändert, dass das Projekt Jakobsleiter als gescheitert zu betrachten ist. Schade eigentlich.

Was also dürfen sich die Besucher der Ausstellung auf der Insel San Giorgio denken, die es mit der Bibel nicht so haben? Sie stehen in einem Jahrhunderte alten Dom vor einer klar strukturierten und farbenfrohen Plastik mit horizontal angeordneten Streifen. Keine Anspielung auf zürnende Götter, böse Menschen und bedrohliche Situationen in einer feindseligen Welt. Dieser Eindruck bestätigt sich auch in den übrigen Räumen, wo es mit den horizontal angeordneten Farbflächen weitergeht. Auch wenn einem dabei der Ausdruck „klare Kante“ in den Sinn kommt, ist hier nicht gleich an Politik zu denken. Eher an Farbfächer, die Designer bei der Zusammenstellung von wirkungs- und bedeutungsvollen Farbkompositionen zu Rate ziehen.

Angesichts der Vielzahl von hochproblematischen, irritierenden und anklagenden Inszenierungen, mit denen wir auf der diesjährigen Biennale immer wieder konfrontiert sind, erleben wir die Insel San Giorgio mit den Werken von Sean Scully als einen Ort, wo man sich Zeit nehmen und im Zusammenspiel mit den Farbkompositionen die eigenen Gedanken erleben und ordnen darf.

Doch gar nicht so schlecht, oder?

Die Ausstellung HUMAN im Kloster San Giorgio Maggiore ist vom 11. Mai bis 13. Oktober 2019 zu besuchen.

http://human-venice.com