Ein Pfingstwunder? Eher nicht

Der lange Marsch  zum Markusplatz (Foto R.W.)

Das Pfingstwochenende war für die Ordnungskräfte Venedigs eine besondere Herausforderung. Am Samstag versammelten sich einige tausende Menschen , um wieder einmal gegen die Kreuzfahrtschiffe zu demonstrieren. Der besondere Anlass: Eine Woche vorher hatte eines dieser Schiffe die Kaimauer von San Basilio am Giudecca-Kanal gerammt und dabei auch ein dort liegendes Passagierschiff beschädigt. Zur gleichen Zeit wimmelte es in der Stadt von Besuchern aus allen Teilen der Welt, die hergekommen waren, um in kleinen Booten mit Muskelkraft die Umrundung der Inseln Venedigs zu zelebrieren, wie es seit mehr als 40 Jahren im Rahmen der Veranstaltung „Vogalonga“ üblich ist. Also das genaue Gegenteil von dem, was die Kreuzfahrtschiffe nach Venedig führte.

Am Samstagnachmittag konnte man miterleben, wie sich diese beiden Gruppen sehr friedlich mischten. Wer an der Vogalonga teilnehmen wollte, traf sich mit anderen Gleichgesinnten in den verschiedensten Winkeln Venedigs. Für die Aktivisten der Protestbewegung „No Grandi Navi“ ging es darum, in möglichst großer Zahl den Markusplatz zu erreichen, um endlich an diesem symbolträchtigen Ort zum wiederholten Mal die Verbannung der Kreuzfahrtschiffe zu fordern, zumal das Ereignis vom Wochenende davor dieser Forderung noch mehr Nachdruck verlieh.

Eine Woche nach dem Unfall mit der OPERA (so der Name des Schiffes, dem in Zukunft möglicherweise nachgesagt werden kann, es habe die Wende im Umgang mit den Kreuzfahrtschiffen eingeleitet) war die Stimmung besonders aufgeladen. Unter anderem auch deshalb, weil die Behörde Venedigs unter Berufung auf eine alte Regelung eine Kundgebung auf dem Markusplatz untersagt hatte. Davon ließen sich die Organisatoren der Protestbewegung nicht beeindrucken. Am Samstag versammelte sich eine Menschenmasse an dem Ort, wo einige Tage zuvor das Unglück mit der OPERA geschehen war, und verwandelte die Uferpromenade in ein Fahnenmeer. Auf allen Fahnen stand, was den Politikern in Rom und Venedig schon seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet: No Grandi Navi.

Die Masse setzte sich am späten Nachmittag in Bewegung und gelangte gegen 18 Uhr in die Nähe des Markusplatzes. Alles ohne besondere Zwischenfälle. Am Ende schafften es rund tausend von den etwa zehntausend Menschen des Protestmarsches doch bis auf den Markusplatz. Die Ordnungskräfte hatten wohl Anweisung, jede Form von Gewalt zu vermeiden.

Damit waren bei dieser Demonstration zwei Ziele erreicht, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Behörde schrieb sich zugute, dass alles glimpflich verlaufen war. „Wir haben uns nicht provozieren lassen, den Gummiknüppel zu schwingen. Aber wir behalten uns vor, die Demonstranten zu identifizieren, die sich nicht an die Regeln gehalten haben, und werden gerichtlich gegen sie vorgehen.“ Auch die Demonstranten haben ihre Mission erfüllt. Sie können nun damit rechnen, dass die Bilder und Videos von ihrer Anwesenheit auf dem Markusplatz um die Welt gehen und immer wieder hervorgeholt werden können, um zu beweisen…ja was nur? Eine Wende in der Politik? Kaum anzunehmen. Da wird es auch nicht helfen, dass nach dem Demonstrationszug durch die Gassen auch der Demonstrationszug am Sonntag auf dem Wasser mit den rund 10 000 Teilnehmern der Vogalonga ausdrücklich als Akt der Solidarisierung mit der Protestbewegung gegen Kreuzfahrtschiffe bezeichnet wurde.

Am späten Samstagabend – die Protestanten hatten ihre Fahnen längst eingerollt – hätte man bei besseren Lichtverhältnissen die Rauchfahnen von mehreren Kreuzfahrtschiffen sehen können, die sich von ihren Anlegeplätzen fort durch den Giudeccakanal in Richtung Lido davonstahlen.