Die Grenzen der Kunst

Erst Fischkutter, dann Flüchtlingschiff und jetzt Barca Nostra (Foto R.W.)

Satire darf alles. Das hat uns Kurt Tucholsky schon vor hundert Jahren eingeschärft. Inzwischen gibt es immer mehr Kunstschaffende, die diesen Anspruch auch für ihre Kunst geltend machen wollen. Also gut – die Kunst darf alles. Aber kann sie auch alles, was sie darf? Das ist die Frage, die man sich angesichts des Kutters stellen muss, der zu Beginn der Biennale auf einem Floß durch Venedig transportiert wurde.

Im Frühjahr 2015, als der Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer unerträgliche Ausmaße angenommen hatte, war dieser Fischkutter noch das, was der Name besagt. Bis eine Schlepperorganisation in Libyen mit ägyptischen Fischern handelseinig wurde und ihn mit Flüchtlingen in Richtung Lampedusa schickte. Der Kutter geriet in Seenot, und ein Frachter eilte zu Hilfe. Dabei wurde der Kutter gerammt und sank. Der Frachter konnte noch 28 Menschen aus dem Meer retten. Alle anderen im Kutter ertranken, wenn sie nicht schon vorher erstickt waren.

Erst Monate später nach der Bergung des Wracks aus 350 Metern Tiefe stellte sich heraus, dass an die tausend Flüchtlinge in diesem relativ kleinen Kutter zusammengepfercht und in den Tod geschickt worden waren. Eine schier unvorstellbare Zahl.

In der Hafenstadt Augusta, in der die Behörden und viele humanitäre Organisationen mit der Aufarbeitung der Tragödie befasst waren, wollte man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Mann beschloss, auf einem der Felsen von Augusta einen Park der Erinnerung und Mahnung einzurichten, in dem das namenlose Wrack seinen Platz bekommen sollte. Nach mehreren Jahren bürokratischen Tauziehens gab die italienische Regierung schließlich nach. Dem Wrack, das eigentlich hätte verschrottet werden müssen, blieb die Verschrottung erspart. Stattdessen mutierte es zu einem symbolischen Objekt und bekam einen Namen: Barca Nostra.

Nun wird es noch einige Zeit dauern, bis der geplante Garten der Erinnerung in Augusta eröffnet werden kann. Da lag es nicht ganz fern, mit der Barca Nostra während der Biennale in Venedig an die größte Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer zu erinnern. So setzte das Wrack, das ja keins mehr war, seine Reise über das Mittelmeer bis nach Venedig fort. Nicht aus eigener Kraft, sondern auf einem Floß. In allen Zeitungen, die sich mit der Eröffnung der Biennale befassen, bekommt man zu sehen, wie Barca Nostra am Dogenpalast vorbeizieht, auf dem Weg zu dem Ort, der ihr für die nächsten sechs Monate zugewiesen ist: direkt neben dem Kran aus dem 19. Jahrhundert, der im Arsenale schon lange dasteht – nicht wegen seiner ursprünglichen Funktion, aber als Erinnerungsstück in Ehren gehalten und mit ausführlichen Informationstafeln erklärt. Und was ist mit der Barca Nostra daneben? Wortlosigkeit.

Was ist da los? Es hat doch so gut angefangen. Schon vor der Eröffnung der Biennale wurde kontrovers über die Barca Nostra diskutiert. Einige aus dem rechten politischen Lager empfanden das zerbeulte Stück Stahl als Zumutung und wollten von seiner symbolischen Bedeutung nichts wissen.So waren es auch die Richtigen, die man mit dieser Provokation getroffen hatte. Doch nach dem Strohfeuer der ablehnenden Kommentare – nichts.

Dieses Wrack, dieses Kunstwerk wird nun im Arsenale bis zum Ende der Biennale im November zu sehen sein, und Tausende Besucher, die unter dem alten Kran und neben dem aufgeschlitzten Kutter herumlaufen, haben keine Ahnung, was ihnen da geboten, was sage ich, zugemutet wird: dieser stahlummantelte enge Raum, in dem Hunderte Menschen ums Leben kamen, ist kein Artefakt, sondern war brutale Wirklichkeit.. Doch dazu gibt es keinen Hinweis, kein Wort. Nur in einer Toilette auf dem Gelände des Arsenal fand man auf der Innenseite einer Toilettentür, mit Filzstift hingeschrieben, für kurze Zeit einige Hinweise auf das Ereignis vom April 2015. Da hatte sich jemand mitfühlend erbarmt, aber gegen die Macht der Reinigungskräfte und ihrer Putzmittel ist kein Kraut gewachsen.

Soll das Wrack als ein Stück „Arte Povera“, als Ding an sich seine Wirkung entfalten und die Betrachter beeindrucken? Kommt es auf die Geschichte zum Wrack nicht an? Ist das von den Initiatoren so beabsichtigt? Die Vorstellung, dass darin mehrere hundert, ja vielleicht tausend Menschen den Tod gefunden haben, ist ja nicht gerade erbaulich. Wer in einem Vaporetto auf dem Canal Grande unterwegs ist, findet es schon fast unerträglich, wenn sich mal zweihundert Passagiere auf Tuchfühlung darin aufhalten.Und viel größer als ein Vaporetto ist Barca Nostra nicht.

So wortkarg kennt man die Kunst eher selten. Dabei sah es doch so so aus, als wollte man uns zeigen: „Die Kunst darf alles!“ Sie ist unter ihren Möglichkeiten geblieben.