Ein gesunkener Fischkutter als Provokation

Als Vorgeschmack auf die Biennale bekamen Leser des Corriere della Sera diesen Fischkutter serviert (Bild Corriere)

In diesen aufregenden Tagen vor der Eröffnung der 58. Kunstbiennale in Venedig bekamen die Venezianer vor den historischen Kulissen ihrer Stadt ein Spektakel geliefert, das die meisten Zuschauer verwundert haben dürfte (und einige wohl auch befremdet oder sogar schockiert, selbst wenn sie noch nicht einmal als Zeugen des Spektakels dabei gewesen waren). Schließlich geht es um einen Beitrag zur Kunst, der als Provokation verstanden werden soll, aber auch als Aufforderung, unsere Vorstellungen von Mitmenschlichkeit einem Reality-Test zu unterziehen.

Da wurde also mitten durch die Stadt in Richtung Arsenale auf einem großen Floß das Wrack eines Fischkutters transportiert, der vor vier Jahren im Mittelmeer gesunken und ein Jahr später aus 370 Metern Tiefe geborgen und in einen Hafen von Lampedusa gebracht worden war. Das war in der Zeit, als in diesem Bereich des Mittelmeers zwischen Libyen und Sizilien Flüchtlinge unterwegs waren, von denen mehr als zehntausend ertranken. Darunter auch die, die man dann in dem geborgenen Fischkutter fand: 700 Leichen. Bei der Kollision mit einem Frachter der italienischen Küstenwache, der dem Fischkutter zu Hilfe kommen wollte, konnten 28 Personen gerettet und 50 Leichen geborgen werden. Dass in dem gesunkenen Kutter noch 700 Menschen eingepfercht waren und nun ertrinken mussten, wenn sie nicht schon vorher erstickt waren, hat wohl die schlimmsten Vorstellungen der Bergungsmannschaft übertroffen.

Mit diesem Kutter, der nun den Namen BARCA NOSTRA bekommen hat, und dieser Geschichte, die zu den dunkleren der europäischen Flüchtlingspolitik gehört, werden die Menschen nun als Besucher einer Kunstveranstaltung konfrontiert. Und es gibt – wie könnte es anders sein – aus italienischen Politikerkreisen schon vor der offiziellen Eröffnung der Biennale Äußerungen des Befremdens und der Ablehnung. Diese Politiker haben nun ein halbes Jahr lang Zeit, darüber zu reflektieren, ob sie es da mit Kunst zu tun haben oder doch eher mit einer kostspieligen Provokation, die die erfolgreiche Politik ihres aktuellen Innenministers unterläuft und zudem noch mit Steuergeldern finanziert wurde. Denn sie versäumen nicht den Hinweis, dass die Bergung des Wracks – die noch in der Amtszeit des PD-Politikers Matteo Renzi veranlasst worden war –  mehr als neun Millionen Euro gekostet hat. Da kann man nur hoffen, dass die Initiatoren dieser Aktion, eine Organisation in der sizilianischen Hafenstadt Augusta in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Künstler Christoph Büchel, es schaffen werden, das geborgene Wrack nach der Biennale als Monument und Mahnung auf Dauer in ihrer Stadt aufzustellen, wo ein Garten der Erinnerung entstehen soll. Wenn alles läuft, wie geplant.

Und kunstbeflissene Betrachter können ab sofort darüber nachdenken, ob sie einem Gegenstand, der ursprünglich nichts mit Kunst zu tun hatte, künstlerische Qualität zuschreiben wollen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass so etwas gelingt.