Venedig mit Wirkungen und Nebenwirkungen

Eine hörbare Glasskulptur von Martin Daske (Foto R.W.)

Zwei Stipendiaten des Deutschen Studienzentrums in Venedig (DSZV) traten in diesen Tagen gemeinsam während einer Ausstellung am Campo S. Stefano in Erscheinung. Ort des Geschehens: der Spazio Arte Contemporanea (SPARC). Der eine weckte unsere Neugier, wie wohl eine filigrane Glasskulptur zu Musik wird, der andere ließ uns im Ungewissen, ob man in ihm einen Wiedergänger des Herrn Aschenbach sehen sollte, der hier in Venedig schon Anfang des letzten Jahrhunderts seinen Auftritt hatte und ihn nicht überlebte, wie Thomas-Mann-Leser sich erinnern werden. Doch der Reihe nach.

Albrecht Pischel (r.) und sein Alter Ego in Venedig (Foto R.W.)

Albrecht Pischel lebt und arbeitet in Berlin und ist der eine Stipendiat. Man beachte den Anfangsbuchstaben seines Vornamens, aus dem man so etwas wie eine Beziehung mit Aschenbach herauslesen darf, allerdings nicht so sehr mit dem, der uns aus Thomas Manns Novelle bekannt ist, sondern mit dem aus Luchino Viscontis Film, in dem Aschenbach nicht mehr als Schriftsteller auftritt, sondern als Komponist. Das passt besser zu Albrecht P. Schließlich ist er nach Venedig gekommen, um sein Projekt Death in Venice 2 zu realisieren. Und wie das Leben so spielt, könnten die Koinzidenzen günstiger nicht sein. Schuld haben die Filmfestspiele auf Lido, wo man aus Anlass der 75. Festspiele das Archivmaterial aus 75 Jahren Filmgeschichte dem geneigten Publikum zugänglich machen wollte. Da ist kein Ort passender als der Schauplatz von Death in Venice: das einstige Luxushotel Des Bains, dem man ansieht, dass es schon bessere Tage erlebt hat. Albrecht P. bekommt Gelegenheit, sich in diesem einst so prachtvollen Bauwerk umzusehen und zu filmen, während andere eifrig damit beschäftigt sind, Bildlmaterial zu sichten und die Säle im Erdgeschoss für die Ausstellung herzurichten. Kommt das nun als Dauerbaustelle dem Verfall entgegensiechende Bauwerk als Kulisse für eine neue Version von Death in Venice in Frage? Albrecht P. scheint unschlüssig zu sein. Vielleicht eignet sich sein Videomaterial, das er in dem herunergekommenen Gemäuer aufgenommen hat, für ein Computerspiel, in dem ein Aschenbach 3 herumirren könnte. Sein Alter Ego A (wie Albrecht) findet wohl Gefallen an dieser Idee, spielt aber auch andere Möglichkeiten durch, um Tote wieder auferstehen zu lassen. Irgendwann wird schon die Zeit gekommen sein, dass es mit dem Alphabet weitergeht. Wer A sagt, muss auch B sagen. Irgendwann bald.

Martin Daske mit Petra Schaefer vom DSZV (Foto R.W.)

Nun also der zweite Gast im Hause DSVZ: Martin Daske. Auch er lebt in Berlin, ist freischaffender Komponist, Autor, Regisseur und Produzent und hat vor einigen Jahren damit begonnen, eine Reihe von Kompositionen als sogenannte „Folianten“ zu gestalten. Dabei handelt es sich um dreidimensionale Notationen, die mit Papier nichts mehr zu tun haben. Als Notationen versteht man bei Musikern so etwas wie die Verschriftung von Musik; bei den Folianten allerdings gibt es keine Notenschrift im herkömmlichen Sinne, sondern unterschiedliche Formen der Materialisierung in drei Dimensionen. Es liegt nahe, dass sich Daske während seines Aufenthalts als Artist in Residence beim Studienzentrum von der Glasbläserkunst anregen ließ. Dabei sind zwei neue Partituren für seine Serie von Folianten entstanden: Foliant 35 für Kontrabass und Foliant 36 für Gesangstimme. Musikalische Analphabeten, die vielleicht was von Halb- und Viertelnoten gehört haben, dürfen diese Partituren gerne als filigranene Kompositionen aus Muranoglas und Zufallsfunden wahrnehmen, die man bei Spaziergängen am Strand von Lido sammelt, während der „lesekundige“ Musiker darin auch die Anweisungen findet, welche Töne er seiner Stimme oder seinem Instrument zu entlocken hat. Er spielt oder singt dann nicht vom Blatt, aber nach den Noten, die sich aus der Anordnung und Positionierung der Elemente in der filigranen Skulptur erschließen lassen. Da diese Art des Notenlesens wohl noch nicht an allen Musikschulen zum Standard-Repertoire gehört, bleibt die Umsetzung in ein Hörerlebnis den Musikern vorbehalten, die – wie Daske erklärt – sich auf dieses Zusammenspiel mit dem Komponisten einlassen. Die Folianten, die wir während der Ausstellung am Campo S. Stefano zu sehen bekamen, sind also beides, Skulpturen der Glasbläserkunst, die man jederzeit betrachten und bewundern kann, und Noten zu einem Musikstück, das ein Interpret zum Klingen bringt, sofern er sich auf diese Form der Notation versteht. Die beiden venezianischen Folianten sind ein Gemeinschaftswerk des Komponisten Martin Daske und des Glaskünstlers Leonardo Cimolin. Von dem dritten Mitwirkenden, der das Ganze zum Klingen bringt, kennen wir den Namen nicht. Noch nicht. Aber es handelt sich wohl um bestellte Kompositionen.

Der Komponist und der Glaskünstler: Martin Daske (l.) und Leonardo Cimolin (Foto R.W.)