Die Sorgen mit der Müllentsorgung

Der komplette Müll-Entsorgungs-Atlas von Venedig

Wo lassen die Venezianer ihren Müll? Sie deponieren ihn vor der Haustür, wo ihn täglich ein Müllmann abholt (nur nicht an Sonn- und Feiertagen). Kennen wir noch eine Stadt, die sich diesen Luxus leistet? Täte sie es nicht, wären die Gassen und Plätze in kürzester Zeit unpassierbare Müllhalden. Einen Vorgeschmack davon kann man erleben, wenn die Müllmänner einmal streiken, was bisher aber nur sehr selten geschehen ist, soweit wir uns erinnern. Dabei wird das Unternehmen, dem die heikle Aufgabe der Müllsammlung und Müllverwertung übertragen wurde, in letzter Zeit mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Da ist auf der einen Seite die zunehmende Müllproduktion der B&B-Gäste und auf der anderen Seite das Verhalten der Möwen, die in jedem Müllbeutel nach Küchenabfällen und Speiseresten suchen. Fischreste sind besonders beliebt.

Auch in Venedig hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass getrennte Müllsammlung sich lohnen kann. So hat das Unternehmen Veritas schon vor Jahren damit begonnen, die Bürger Venedigs zu motivieren, ihren Müll in getrennten Behältern zu sammeln. Die Bürger zeigten sich lernfähig und finden es inzwischen selbstverständlich, an bestimmten Tagen nicht nur Restmüll vor der Haustür zu deponieren, sondern auch Papiertüten mit Papier und Karton (sofern nicht verschmutzt) und im Wechsel dazu gekennzeichnete Plastiktüten mit Verpackungsmaterial aller Art sowie Flaschen und Konservendosen. Der Müllmann konnte in seinem Revier nicht überall zur gleichen Zeit sein und die am frühen Morgen oder schon am Vorabend auf die Gassen gestellten Tüten einsammeln. So geschah es immer wieder, dass ihm hungrige Möwen zuvorgekommen waren und die Plastikbehälter nach Verwertbarem durchsucht hatten. Dabei hatte sich der gesamte Inhalt der aufgerissenen Tüten auf der Gasse verteilt. Kein schöner Anblick für die Menschen und mehr Arbeit für die Straßenreinigung. Schließlich wurde das Verhalten eine richtige Plage. Hinzu kam, dass auch Ratten von dem Inhalt der Müllbeutel angelockt wurden.

Veritas sann auf Abhilfe und kam auf eine Idee, die man sich radikaler kaum vorstellen kann. Die Venezianer Bürger wurden dazu verdonnert, den Müll nicht mehr vor die Haustür zu stellen, sondern so lange in der Wohnung zu behalten, bis der Müllman klingelte. Da die Abstimmung der Zeiten für die Übergabe der Mülltüten an der Haustür sich schwierig gestaltete, richtete man wohnungsnahe Sammelstellen ein. Zuerst mit einer Testphase in einem überschaubaren Bezirk. Die Übung war so erfolgreich, dass man nach und nach das Verfahren auch in den anderen Stadtteilen einführte. Seit Mai ist schließlich der letzte Stadtteil mit Sammelstellen bestückt. Nun gibt es in Venedig 53 Sammelstellen, an denen täglich große Sammelbehälter für den Hausmüll der Bewohner bereitstehen und dazu jeden zweiten Wochentag auch Sammelbehälter für Verpackungen und Altpapier, und zwar von 6 Uhr 30 bis 8 Uhr 30.

Wie es in einer Informationsschrift von Veritas heißt, wurden 2016 in Venedig, die Inseln Murano und Burano eingeschlossen, insgesamt 53 950 Tonnen Müll eingesammelt, davon 14 000 als Recycling-Material. Das entspricht 25,8 Prozent der Gesamtmenge. Bei genauer Vorsortierung für die getrennte Müllsammlung wäre dieser Wert zu steigern: Die 40 000 Tonnen Restmüll könnten wohl noch um die Hälfte reduziert werden. Das Unternehmen spart nicht mit Lob für die Mitwirkung der Bürger bei der getrennten Müllentsorgung und ermutigt sie immer wieder aufs neue, noch besser zu werden. Nicht ohne Eigennutz-Gedanken. Schließlich waren 2016 für die Mülleinsammlung rund 11,5 Millionen Euro aufzubringen, und je mehr recyclingfähiges Material aus diesem Fünfzigtausendtonnen-Müllberg  als Wertstoff gehandelt werden kann, desto besser sieht die Bilanz am Jahresende aus.