Löwen dem Zahn der Zeit ausgesetzt

Was kommt uns eigentlich in den Sinn angesichts der vielen Darstellungen geflüglter Löwen, denen wir in Venedig auf Schritt und Tritt begegnen und die es zudem auf so gut wie alle offiziellen Schriftstücke der Stadt geschafft haben? Wenn man sich etwas eingehender mit dem Wappentier Venedigs beschäftigt, kommt man unausweichlich auch zu demjenigen, der dieses Tier nach Venedig mitgebracht hat. Es handelt sich um den Verfasser des Markus-Evangeliums. In frühchristlicher Zeit war der Evangelist Markus mit Petrus im Mittelmeerraum als Missionar unterwegs und hat dabei unter anderem das Erzbistum Aquileia am Golf von Triest begründet.

Es dauerte dann noch einige Jahrhunderte, bis Markus, inzwischen Märtyrer und Heiliger in Alexandria, wieder in die Region seines früheren Wirkens kam – entführt von einigen Fischern aus Malamocco, weil man seinem Andenken in der inzwischen von Muselmanen besetzten Stadt nicht mehr die gebührende Wertschätzung entgegenbrachte. Der Evangelist Markus war als Heiliger ganz nach dem Geschmack der Venezianer. Mit so einem prominenten Heiligen ließ sich auch Rom beeindrucken und auf Distanz halten.

Nach Bildern, die eine Himmelfahrt des Heiligen Markus darstellen, sucht man, wie es scheint, vergebens. Dabei hätte es das Motiv durchaus verdient. In Venedig begnügte man sich stattdessen mit Darstellungen und Abbildungen, die auf den Heiligen nur indirekt verweisen. Schließlich war ein geflügelter Löwe der Begleiter des Heiligen, und man braucht nicht allzuviel Phantasie, um sich vorzustellen, dass der Löwe bei der Himmelfahrt des Heiligen mitgewirkt haben dürfte. Nun also ist dieser Begleiter in Venedig und in den einst von der Serenissima beherrschten Gebieten quasi omnipräsent. Hat schon jemand versucht zu ermitteln, wie oft man mit dem Löwen konfrontiert wird, der ja nicht nur beflügelt ist, sondern auch ein Buch in den Pranken hält: mal mit geschlossenen Buchdeckeln, mal mit aufgeschlagenen Seiten? Um es kurz zu machen: Einen Atlas der Orte und Räume, in denen wir dem geflügelten Löwen begegnen können, in welchem Zustand der Erhaltung oder des Verfalls auch immer, diesen Atlas gibt es wohl nicht. So bleibt es jedem selbst überlassen zu schätzen, wie oft dies geschehen kann. Einige hundert Mal? Oder gar einige tausend? Lassen wir´s offen.

Ich werde mich damit bescheiden, gelegentlich an Beispielen zu dokumentieren, wie und wo man das Wappentier Venedigs antreffen kann. Das obige Beispiel ist an einem Kanal auf der Glasbläserinsel Murano zu entdecken.

Mitbringsel von der kroatischen Insel Cres (Foto R.W.)