Biodiversität im Kunstbiotop will gepflegt sein

Das Museum Ca´Rezzonico am Canal Grande (Foto R.W.)

Das Museum Ca´Rezzonico am Canal Grande (Foto R.W.)

Venedig ist ein Kunstbiotop, das in der Welt unvergleichlich ist. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Hier sind auf relativ engem Raum so viele Einrichtungen, so ausgedehnte Ausstellungsflächen und so vielfältige Möglichkeiten, Kunst zu erleben, wie sonst nirgendwo auf diesem Globus. Das alles passierte nicht aus Versehen. Schon in historischen Zeiten zog es die Künstler Europas nach Venedig, wenn sie dort nicht schon lebten. Die Früchte dieser Zeit sind heute in den Museen Venedigs – und nicht nur da – zu bewundern. Zum Beispiel im Museum Ca´ Rezzonico am Canal Grande.

Dabei ging es der Stadt nicht immer gut. Nach der Zerschlagung der Republik Venedig durch Napoleon ging es ihr richtig schlecht. Wer Ruskin gelesen hat, kann sich ein Bild davon machen, dass man im 19. Jahrhundert weniger mit der Kunst als damit beschäftigt war, irgendwie zu überleben. Doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfand Venedig sich neu und schuf mit der Biennale der Kunst die Grundlage für das heutige Kunstbiotop. Die erste Veranstaltung war ursprünglich als nationales Ereignis anläßlich der Silbernen Hochzeit des italienischen Königspaares geplant, mutierte aber zu einer Schau mit italienischen und internationalen Künstlern. Der Atlante Storico di Venezia weiß zu berichten, dass am 30. April 1895, dem Eröffnungstag der ersten Biennale, 129 italienische und 156 ausländische Künstler mit ihren Werken im eigens dafür errichteten Palazzo in den Giardini vertreten waren. Inzwischen erleben wir die 57. Veranstaltung dieser Art, bei der nicht allein die Künstler, sondern die Länder in dreistelliger Zahl vertreten sind und 28 Nationen ihren eigenen Pavillon in den Giardini „bespielen“.

Nun bildet sich ein Biotop nicht unter widrigen Bedingungen und nicht ohne Pflege. Es war also wichtig, dass sich Länder und Regierungen , aber auch Institutionen und Förderer fanden, die in den Bestand des Biotops investierten und zudem als Biodiversität eine künstlerische Vielfalt zuließen, die in der Welt ihresgleichen sucht und heute kaum noch zu bändigen ist. Dabei ist die Rolle der in Venedig verwurzelten Institute und Museem nicht zu unterschätzen. Die Stadt pflegt ihr kulturelles Erbe in mehreren eigenen Museen, unter anderem in Ca´ Rezzonico , damit nicht in Vergessenheit gerät, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Venedig heute in der ganzen Welt als Magnet für Künstler, Kuratoren und kunstbeflissene Besucher Geld und Leute anlockt. Das Haus, das der lombardische Bankier Giambattista Rezzonico 1751 erwarb und das nun zum Bestand der Museen Venedigs gehört, vermittelt dem Besucher einen Eindruck vom Leben der venezianischen Gesellschaft zur Zeit Goethes, es gibt Bilder von Tiepolo und Pietro Longhi zu sehen, die das Alltagsleben der damaligen Zeit darstellen.

Das Museum will aber nicht nur als Ort der Traditionspflege wahrgenommen werden, sondern fördert auch den Dialog mit jungen Künstlern von heute. So ergab sich in diesem Jahr die Gelegenheit für Stipendiaten des Centro Tedesco di Studi Veneziani, ihre Arbeiten, die sie während ihres Studienaufenthaltes in Venedig geschaffen hatten, in der imposanten Eingangshalle des Barockpalastes zu präsentieren. Der exzellent bebilderte Katalog mit ausführlichen Erläuterungen zur Ausstellung vermittelt sehr eindringlich, wie sich im „Dialog“ der Arbeiten und Installationen von heute mit dem historischen Raum neue Sehweisen entwickeln können – sowohl in Bezug auf die Architektur und Materialität des Palastbaus wie auch auf die künstlerischen Antworten, die sich während der Beschäftigung mit der Kunst in Venedig ergeben. Die gelungene Ausstellung ist überdies auch ein Beispiel dafür, dass gerade in einem Milieu, das wir als Kunstbiotop wahrnehmen, zwischen Künstlern und Instituten und darüber hinaus auch zwischen den Instituten selbst die Beziehungen funktionieren müssen. Die Künstler, bereits anläßlich der Eröffnung der Ausstellung im Juni 2017 im Blog-Beitrag Deutsches Künstlerquartett bespielt Ca´Rezzonico vorgestellt, werden es den Beteiligten und Förderern zu danken wissen.