Unendlich sub-optimal

Die Tür, die keine ist (Foto R.W.)

Die Tür, die keine ist (Foto R.W.)

Wie gut hat sie es doch mit den Besuchern gemeint, die Kuratorin der Kunstschau VivaArteViva, Christine Macel, als sie die Räume vom zentralen Pavillon in den Giardini bis zu den weitläufigen Hallen des Arsenale und darüber hinaus auch noch die Freifläche des Giardino delle Vergine nach Themen aufteilte und dafür auch die passenden Künstler und Exponate aussuchte. Alles zur besseren Orientierung. Doch wer den Parcours – oder nennen wir es gleich den Leidensweg – nach neun Stationen hinter sich gebracht und auch die letzten Video-Installationen unter den mächtigen Platanen des Giardino delle Vergini abgehakt hat, fühlt sich eher desorientiert.als erleuchtet.

Dieser Ort mit den mächtigen Bäumen und den schmuddeligen Räumen entlang der Arsenalemauer ist der neunten Abteilung gewidmet, in der es um Zeit und Unendlichkeit geht. Man bekommt es da mit einem guten Dutzend von Werken zu tun. Installationen, Skulpturen und Videos von Künstlern aus den verschiedenen Weltregionen, die meisten von ihnen auf dem Kunstmarkt gut unterwegs, wie man sich im Internet überzeugen kann. Da gibt es Ausflüge in die Arte Povera, Filmchen und Videos, die mal einige Minuten, mal eine Stunde unsere Aufmerksamkeit heischen.

Zwei dieser Beiträge sind so eingerichtet, dass man in wenigen Minuten mit ihnen fertig sein kann, wenn man darauf verzichtet, sich „zur Vertiefung“ noch einige Videos anzusehen, die die Biennale zusätzlich auf Internet zeigt. Vadim Fiskin, Jahrgang 1965, geboren in Rußland, lebt jetzt in Slowenien und ist mit einem Video vertreten, bei dem der staunende Zuschauer miterlebt, wie sich eine auf ein weiße Wand projizierte Tür abwechselnd öffnet und schließt und dabei die Wand mal mehr mehr, mal weniger erhellt. Das erhellende Erlebnis soll uns wohl gedanklich dazu bringen, mit welcher Bedeutung die Tür als Symbol von Trennung und/oder Öffnung aufgeladen werden kann. Eine ziemlich dreiste Unterschätzung der Besucher, die täglich erfahren, wie hochkomplex unsere Welt geworden ist und nun mit dieser subkomplexen Symbolik von drinnen und draußen abgespeist werden. Die Einmischung der Kunst in die Gedankenwelt der Philosophie führt oft genug zu suboptimalen Ergebnissen. Oder soll hier lediglich die Sehnsucht nach einfachen Antworten bedient werden?

IMG_8812Noch einfacher machte es sich Taus Makhacheva, die in Moskau lebt und wohl viel Mitgefühl für die Fischer von Dagestan mitbringt, die beim Fische im Kaspischen Meer um- und nicht wieder heimkommen. Die Trauer der Familien ist dann groß und noch größer, wenn die Toten nicht geborgen werden konnten. Stellvertretend für das Kaspische Meer wurde für die Performance eine Stelle im Mittelmeer ausgedeutet, wo man das Kentern eines Fischerbootes nachspielen konnte. Dem Besucher, der am Bacino des Arsenale die Koordinaten liest, wo das Ereignis angeblich stattfand oder stattfinden soll, bleibt das Erlebnis des Kenterns erspart. Und damit wohl auch die Trauer um die ertrunkenen Fischer, die es gar nicht gibt. Auch das Video, das man sich stattdessen ansehen kann, wenn man anschließen noch die Kraft dazu aufbringt, zeigt ein mäßig bewegtes Mittelmeer und hört zwei Menschen parlieren. Die Frauenstimme gehört wohl der Künstlerin. Gegen Ende des etwa 15minütigen Films sieht man im Wasser ein gekentertes Boot. Das Video mit den schaukelnden Wellen hört irgendwann auf, und schon sieht man eine weitere Aufzeichnung mit mehreren Menschen in angeregter Runde, mit der Video-Leinwand im Hintergrund und denkt: Alles ist gut verlaufen. Wirklich alles? Als Zuschauer schwankt man zwischen Selbstmitleid und Mitleid mit einer Kunst, die es sich auf dem Gipfel der Ratlosigkeit bequem gemacht hat und wo die Kuratoren sich als Hohepriester aufspielen. Wie gut nur, dass die Ketzer heute nicht mehr auf dem Scheiterhaufen landen.