Ach, wie schön wär´die Welt ohne Grenzen

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Anatoll Frustwächter und Pantalone machen sich Gedanken, ob es wirklich eine Anmaßung der Kunst ist, wenn sie sich mit den von Staaten eingerichteten Regelungen und Beschränkungen des Grenzverkehrs befaßt.

AF: Während der ersten Monate der Biennale gab es auf der Via Garibaldi ein Häuschen, das wir als Beitrag Tunesiens verstehen sollen. Dort konnte man sich ein Dokument ausstellen lassen. Überstaatlich und von grenzenloser Gültigkeit. Eine Art Sesam öffne dich für alle Staaten dieser Welt.

P: Dem hat ja, soweit ich mich erinnere, ein Sturm, der die Lagune im August heimsuchte, ein Ende gemacht. Dabei wurde auch besagtes Häuschen zu Kleinholz zerlegt.

AF: Nun gibt es auf dem Gelände des Arsenale noch so ein Häuschen. Dort stehen die Besucher sogar an, um sich so ein Dokument ausstellen zu lassen.

P: Damit kommt man selbst im Schengenraum nicht weit. Als Erwachsener sollte man diesen Kinderglauben doch längst abgelegt haben.

AF: Andererseits heißt es in der Bibel „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“.

P: Die meisten, die auf ein gültiges Reisedokument angewiesen sind, wollen wohl nicht gleich ins Himmereichl. Ihnen reicht es meistens schon, wenn sie nach Europa oder Deutschland kommen dürfen…

AF: … und dort das Himmelreich auf Erden finden?

P: Wohl kaum. In jedem Fall wird die Wunderwirkung dieses Dokuments ausbleiben.

AF: Vielleicht ist das alles ja auch gar nicht so ernst gemeint. Schließlich ist das hier in Venedig ja keine Konferenz der Innenminister, sondern eine Kunstveranstaltung.

P: Vorsichtvorsicht. Hat Michelangelo Pistoletto uns nicht gerade belehrt, dass es die Aufgabe der Kunst ist, sich in das gesellschaftliche Leben gestaltend einzumischen, weil die Kunst doch so etwas wie der Ursprung unserer Menschwerdung ist!

AF: Wie soll das vor sich gehen?

P: Die Kunst setzt die Themen, die Administration übernimmt die Umsetzung und muss mit den entstehenden Konflikten fertig weren. Bei dieser Arbeitsteilung kann mir die Kunst gestohlen bleiben.

AF: Angsichts der Zustände, die wir seit einiger Zeit im Schengenraum erleben, könnte man fast glauben, unsere Politiker haben Pistolettos Einflüsterungen nicht immer widerstehen können.

P: Vielleicht ist es doch besser, wenn man bei Angelegenheiten von Flucht und Migration nicht unbedingt auf die Kunst setzt. In der Süddeutschen Zeitung hat Thomas Steinfeld es sogar anmaßend gefunden, „dass sich die Kunst offenbar für die Instanz hält, in der alle nationalen, politischen und ökonomischen Beschränkungen aufgehoben werden – gerade weil sie von allen konkreten Bestimmungen absieht“.

AF: Da können wir uns doch glücklich schätzen, dass wir als Kunstfiguren uns nach Belieben in der Welt tummeln können, solange unser Schöpfer mitspielt.

P: Der uns nicht mit der Forderung behelligt, wir sollten werden wie die Kinder.