Wer hätte das gedacht: Ein ganz neues Narrativ für Finnland!

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Das ist Geb, einer der Schöpfer Finnlands (Foto R.W.)

Pantalone und Anatoll Frustwächter haben ihren Rundgang auf der Kunstbiennale fortgesetzt und sind fast eine Stunde im Finnischen Pavillon geblieben. Hier ist zu lesen, was sie sich anschließend erzählten.
Die Geschichte Finnlands erscheint während der diesjährigen Kunstbiennale in einem ganz anderen Licht.

Wie darf man das verstehen?

Historisch oder besser noch prähistorisch.

Das versteht man ja noch weniger.

Dem ist abzuhelfen im Pavillon, den der Architekt Alvar Aalto den Finnen in den Giardini von Venedig hingebaut hat. Dort kann man sich eine Video-Installation ansehen, die uns eine Geschichte Finnlands als eine unendliche Folge von Irrungen und Wirrungen vorführt, bei denen die Aalto Natives nicht gerade eine rühmliche Rolle spielen.

Aalto Natives?

Gehen wir davon aus, dass es sich um Finnen handelt. Ihre Geschichte fängt nicht erst mit dem finnischen Architekten an, sondern früher, sehr viel früher. Das erfahren wir von Geb und Atum, die in dem Pavillon von einem überdimensionierten Ei und einem Video-Projektor dargestellt werden. Diese beiden sollen wir als allmächtige Wesen wahrnehmen, die vor Millionen Jahren Finnland geschaffen haben und nun beschließen, sich einmal anzusehen, was in diesem Land so abgeht.

Diese Idee kommt ja reichlich spät. Wird das jetzt eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Schöpfung?

Das könnte man so verstehen, wenn da nicht die Autoren wären, die uns die Aalto Natives und ihre Götter als ihre Erfindung präsentierten. Die beiden Allmächtigen sind sich anfangs auch gar nicht so sicher, ob es überhaupt ratsam ist, den Menschen eine Art Kontrollbesuch abzustatten. Atum besteht allerdings auf dem Vorhaben, und der Vater läßt ihn gewähren. So nimmt das Desaster seinen Lauf, und wir als Zuschauer erleben das alles über Videoschnipsel, die über die Wände geistern, über Figuren aus der Muppet-Show, animierte Kritzeleien und Sequenzen mit Schauspielern, wobei das Ganze für Atum ein trauriges Ende nimmt. Die Zwiesprache der Allmächtigen, die nichts im Griff haben, die Puppen aus der Muppet-Show, die Kritzeleien an den Wänden, man nimmt sie wahr und fragt sich: Was soll das bedeuten? Und plötzlich macht es Klick.

Da bin ich aber gespannt, was jetzt kommt.

Geb holt seinen Sohn Atum ins Boot (Foto R.W.)

Geb holt seinen Sohn Atum ins Boot (Foto R.W.)

It´s the devoid of meaning, stupid! Die Bedeutungsleere, die schon vor Millionen Jahren ihren Anfang nahm, als Geb und Atum dieses schöne Land mit den vielen Seen schufen, und die bis heute andauert. Die Menschen taumeln durch ein Chaos von Bestrebungen und Beziehungen und können auch mit den höheren Wesen nichts anfangen, wenn diese sich mal zu erkennen geben und Rechenschaft einfordern. Ist es da ein Wunder, wenn die Urheber dieser chaotischen Verhältnisse beschließen „Alles auf Anfang!“ Der Ausflug zu den Menschen verläuft unerfreulich. Geb bleibt nichts anderes übrig, als einzugreifen und den Sohn zu retten. Er nimmt ihn ins Boot und rudert davon mit dem Versprechen, dass man es noch einmal versuchen will mit den Menschen. Angesichts dieser Entzauberung der Welt, die uns hier so unterhaltsam vorgeführt wird, dürfen wir als Zuschauer uns erlauben, so etwas wie Erleichterung zu empfinden, dass in dieser Welt nicht alles nach Plan verläuft und Korrekturen nur eine Frage der Zeit sind.

Nun warten wir also auf den zweiten Teil der Schöpfungsgeschichte?

Der kann jederzeit beginnen. In dem Pavillon von Avo Aalto gibt es allerdings nur die Wiederholung des bekannten ersten Teils, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Da sind wir doch wenigstens dankbar, dass wir auf so unterhaltsame Weise mit den Unzulänglichkeiten der Schöpfung und mit unseren Unzulänglichkeiten konfrontiert werden. Nehmen wir uns die Aalto Natives zum Beispiel, die so gut über sich selbst lachen dürfen, und lachen mit, ganz ohne Häme.

Das wäre dann schon der Anfang des versprochenen zweiten Teils?

Vielleicht.

Die Schöpfer dieser Schöpfungsgeschichte sind Erkka Nissinen, Jahrgang 1975, aus Finnland und Natahaniel Mellors, Jahrgang 1974 aus England, der Kurator des Ganzen, Xander Karskens, Jahrgang 1973, kommt aus den Niederlanden:https://frame-finland.fi/en/venice-biennale/venice-biennale-2017/