Ist das ein Puppenhaus?

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Pantalone und Anatoll Frustwächter haben den Pavillion of Humanity auf dem Campo San Vidal neben der Accademia-Brücke am Canal Grande besucht und waren ziemlich beeindruckt von dem, was ihnen da gezeigt wurde. Online -Besucher bekommen einen Eindruck von der Ausstellung unter www.veniceartfactory.org/objection.

AF: Ich dachte, Puppenhäuser sind out.

P: Puppenhäuser sind in. Kannste online in diversen Luxusversionen bestellen.

AF: Okay, man kann den Begriff ja auch kritisch sehen und entsprechend aufladen..

P: So geschehen bei Michal Cole und Ekin Onat, die uns ein Puppenhaus für Erwachsene eingerichtet haben, in dem man garantiert keiner Puppenmutter wie aus Großmutters Zeiten begegnet, sondern zwei emanzipierten Frauen, die ihre Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht und der Staatsmacht sehr kreativ verarbeitet haben und in einer etwas anders ausgestatten Puppenstube zum Ausdruck bringen.

AF: Die Verwendung von Schlipsen ist bemerkenswert.

P: Der Schlips gehört ja irgendwie zur Ausstattung männlicher Dominanz in unserer Gesellschaft…

AF: An diesem Sex-Symbol hat sich Michal Cole bis zum Überdruss abgearbeitet. In dem Wohnzimmer ist vom Boden bis zur Decke alles verschlipst. Es gibt nicht einen Zentimeter in diesem Raum, der nicht mit diesem Textil überzogen, verdeckt und verhüllt ist. Da mußten 25 000 Schlipse dran glauben, die hier nun als Bodenbelag mit Füßen getreten werden können.

P: Dagegen ist die Beute, die Frauen während der Weiberfastnacht machen, indem sie mit Scheren den Männern die Schlipse abschneiden, wohl bescheidener.

AF: Aber der Impuls ist wohl der gleiche.

P: Das sollte den Männern zu denken geben, die den Schlips für ein harmloses Kleidungsstück halten.

AF: Aber auch die anderen Räume sind verstörend ausgestattet. Wer die Küche als einen Ort kennt, in dem es um Zubereitungen für das leibliche Wohl der Familie geht, kann sich den Blick in die Kochtöpfe sparen. Dort begegnen ihm die anklagenden Blicke einer ratlosen und terrorisierten Frau.

P: Und im Speisezimmer sieht es so aus, als ob hier gleich die finsteren Kräfte Platz nehmen werden. Bei genauerem Hinsehen und Nachlesen wird dieser erste Eindruck bestätigt. Möbel und Gedeck wurden aus Recycling-Material hergestellt. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelches Material, sondern um die Uniformen und die militärische Ausstattung der türkischen Polizeikräfte.

AF: In diesem Puppenhaus soll keine Gemütlichkeit aufkommen, auch keine falsche. Stattdesse ist man mit „Objection“ konfrontiert. Das bedeutet Einspruch und Widerspruch gegen die bestehenden Verhältnisse in der von Männern beherrschten Welt.

P. Den Männern wird ihr liebgewordenes Bekleidungsstück genommen. Sie sollen sich „entmannt“ fühlen, die Abzeichen und Uniformen der Mächtigen werden im Schredder zerkleinert, so dass ihre Träger am Ende machtentblößt und nackt dastehen.

AF. Aber ist damit schon das Ziel dieser Ausstellung zutreffend beschrieben? Beide Frauen haben leidvolle Erfahrungen mit männlicher Dominanz und Gewalt gemacht und finden in dieser un- heilen Welt eines Puppenhauses die Ausdrucksform, die wir intuitiv verstehen.

P: Und doch nicht ganz. Wie können sie dieses Puppenhaus als Pavillon of Humanity bezeichnen?

AF: Was kann mit Humanity gemeint sein? Mitmenschlichkeit, Gleichberechtigung, Menschenrechte. So bekommt der Titel Objection einen doppelten Sinn. Einerseits richtet sich der Widerspruch gegen die Mißstände und ihre Verursacher: Männer, die Frauen als Sexualobjekte betrachten, und Männer, die wie Erdogan in der Türkei jede Form von Widerspruch unterdrücken. Andererseits erleben wir, dass die Räume kontaminiert sind durch die Einrichtung mit Elementen, die sexuelle und politische Gewalt symbolisieren.

P: Doch mit der Metamorphose dieser Elemente gibt es so etwas wie einen Akt der Befreiung, ähnlich wie in der Weiberfastnacht, wenn die Frauen mit ihren Scheren unterwegs sind und den Männern ihre Schlipse abschneiden.

AF: Vielleicht hat Frau Cole, die aus Israel kommt, auch die biblischen Geschichten in Erinnerung.

P: Du meinst…

AF: Ja die Geschichte, wie David sich den König Saul gewogen macht, indem er ihm 200 Vorhäute von hingemetzelten Philistern darbringt, damit dieser ihm seine Tochter zur Frau gibt..

P: Da kann man ja froh sein, dass wir heute in anderen Zeiten leben. Bei den erbeuteten Schlipsen ging es wohl ohne Gemetzel zu. Das ist doch schon ein Fortschritt in Richtung Humanität.

AF: Und es gibt immer mehr Männer des öffentlichen Lebens, die sich den Mitmenschen und Fotografen auch bei offiziellen Anlässen ohne Schlips zeigen.

P: Vielleicht ist auch der gedeckte Tisch, so finster er dasteht, als Aufforderung zu verstehen, miteinander zu reden. Wer sich alles an diesem Tisch einfinden müßte, um im Gespräch über Humanität…

AF: Ekin Onat aus der Türkei und Michal Cole aus Israel wollen mit ihrem Einspruch aufrütteln, belassen es aber nicht dabei. Gleichzeitig führen sie uns Möglichkeiten der Verhaltensänderung vor, die bei ihnen als Metamorphose (Recycling) des eingesetzten Materials vorkommen.

P: Wir wünschen dem Unternehmen viel Erfolg. Einige tausend Besucher haben die Ausstellung schon gesehen.