Sie dürfen sich beobachtet fühlen!

Eine Begegnung mit Menschen aus Havanna (Foto R.W.)

 Menschen aus Havanna, gestrandet in Venedig ? (Foto R.W.)

Hier haben Anatoll Frustwächter und Panalone das Wort und klären uns auf.

Sagt dir der Name Pistoletto was?

Ja, schon. Warum?

Ihm wurde anläßlich der diesjährigen Kunstbiennale eine Ausstellug gewidmet. Nicht im offiziellen Programm, sondern in einer Kirche. Mit dem rätselhaften Titel „One and One makes Three“. Da ist doch wohl die Trinität gemeint?

Du denkst an die Heilige Dreifaltigkeit? Immerhin ein Künstler, der bis drei zählen kann. Doch im Ernst. Da gibt es bei diesem Künstler noch einiges mehr, das einen beschäftigen kann. Wie du weißt, ist die Kirche auf der Insel San Giorgio schon einmal Schauplatz einer Kunstinszenierung gewesen.

Ich erinnere mich. Der in England lebende indische Künstler Anish Kapoor hat damals so etwas wie einen Fahrstuhl installiert, der einen direkt in den Himmel transportieren sollte.

Ob es ernst gemeint war, sei dahingestellt.

Jedenfalls hat die Dreifaltigkeit eingegriffen und mit einem Blitzschlag dem Spektakel ein Ende bereitet.

Bei Pistoletto sind so drastische Reaktionen der Trinität kaum zu befürchten. Ihm geht es mehr um Selbsterkenntnis und Mitmenschlichkeit.

Also mehr um unser irdisches Dasein und unser Treiben hienieden?

Ja, und unsere Selbstwahrnehmung in Bezug auf die anderen. Wenn man sich beim Rundgang durch die Ausstellung mit Menschen aus Havanna konfrontiert sieht, die uns aus den Spiegeln ansehen, können einen schon gemischte Gefühle beschleichen. In Pistolettos Arbeiten spielen Spiegel als Medium der Selbsterkenntnis eine zentrale Rolle. Deswegen werden wir in der Kirche und den angrenzenden Räumen immer wieder mit Spiegeln konfrontiert.

Aber doch nicht nur?

Nein, es gibt auch Beispiele der sogenannten Arte Povera. Zum Beispiel einen Haufen Kleider und als Kontrast dazu der weiß leuchtende Rücken einer Skulptur, die in diesem Kleiderhaufen stecken geblieben ist….

Der Titel spricht für sich: Venus of the Rags auf dem Weg zu ihrem Sockel, wo sie hingehört.

…auch Rollen von Wellpappe, die so etwas wie ein Labyrinth darstellen sollen, sind wohl als Arte Povera zu verstehen, vielleicht auch der umgekippte Tisch mit zersägter Platte. Da können sich die verspiegelten Teile nun selbst bespiegeln. In einem anderen Raum begegnen wir einer Buddha-Statue mit segnenden Händen vor einem Spiegel…

Der wundert sich vielleicht, warum den Anhängern seiner Lebensform in Myanmar nichts Besseres einfällt, als Andersgläubige zu vertreiben und ihre Hütten anzuzünden.

Armer Buddha.

Armer Pistoletto! Meint er es doch so gut mit uns Menschen, ja der ganzen Menschheit. Nur kommt ihm dabei wohl die Selbsterkenntnis über die Selbstbespiegelung hinaus hin und wieder in die Quere. Dann scheint er – aus Frust oder aus Wut – nichts Besseres zu wissen, als die Spiegel kleinzuschlagen.

Nanu!

Ich erinnere nur an seinen Auftritt anläßich der Kunstbiennale im Jahr 2009. Da kann man heute noch auf Bildern sehen, wie er als rasender Michelangelo großformatige Spiegel zerschmetterte, die er für diesen Zweck hatte aufhängen lassen.

Das interpretierst du als Akt der Hilflosigkeit, weil die Selbstwahrnehmung über die Spiegelung hinaus auch mit unseren dunklen Seiten fertig werden muss, was nicht immer schmeichelhaft ist?

Wollen wir das so stehen lassen? Der Mann ist inzwischen über 80 Jahre alt und hat sich bemüht. Er war in zwölf Kunstbiennalen in Venedig vertreten, hat 2003 den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk entgegengenommen und durfte in unzähligen Ausstellungen weltweit mit den Mitteln der Kunst daran arbeiten, in uns Menschen das Gute zu wecken. Kann man mehr erwarten?

Die Ausstellung mit Werken aus verschiedenen Schaffensperioden des italienischen Künstlers Michelangelo Pistoletto ist in der Basilika von S. Giorgio auf der gleichnamigen Insel noch bis Ende November zu besichtigen.