Venezianische Bürger proben den Aufstand

Das sind Venezianer, nicht Touristen (Foto R.W.)

Das sind Venezianer, nicht Touristen (Fotos R.W.)

Mehr als 2000 Menschen unterschiedlichen Alters haben sich an einem heißen Sonntag im Juli vor den Löwen am Haupteingang des Arsenals von Venedig versammelt und sind mit Fahnen und Transparenten bis zum Reiterstandbild in der Nähe des Markusplatzes gezogen, um gegen das unzureichende Wohnraumangebot für Venezianer zu protestieren. Auch wir sind ein gutes Stück in dieser friedlich demonstrierenden Menschenmenge mitgelaufen, obwohl wir keine richtigen Venezianer sind.

IMG_7367Das scheint auch nicht das einzige Motiv gewesen zu sein, das die Menschen auf die Straße trieb. Schließlich hatten an die vierzig Organisationen zu dem Marsch aufgerufen, die durchaus unterschiedliche und zum Teil kontroverse Ziele verfolgen. An der Liste der Initiatoren ist erkennbar, dass es ihnen um mehr geht als die umstrittene Wohnraumnutzung für das Geschäft mit den B&B-Vermittlern. So sah man viele Transparente, die man schon von den Demonstrationen gegen die Kreuzfahrtschiffe kennt: No Grandi Navi; aber in der Berichterstattung ging es auf gut Venezianisch um den Slogan „ Mi No Vado Via!“ (Ich geh nicht fort!). Wenn aber die Venezianer selbst lieber am B&B-Business mitverdienen wollen, wer soll da noch mit diesem Aufschrei erreicht werden? Die mehr oder weniger offiziellen Zahlen lassen wenig Raum für Hoffnung. In Venedig sind wohl schon 7000 offizielle B&B-Domizile registriert, von den inoffziellen ganz zu schweigen.

Alles in allem war die Demonstration wohl als Ausdruck des Unbehagens und der Wut zu verstehen. Neben Umweltorganisationen haben auch Berufsgenossenschaften, Gewerkschaften, Jugendorganistionen und Gruppen teilgenommen, die sich von einer Teilung der Verwaltungseinheit in zwei selbständige Städte, Mestre auf dem Festland und Venedig auf den Laguneninseln, eine Lösung zum Besseren versprechen. Der Termin war überdies nicht zufällig gewählt worden, sondern als Antwort auf die Ankündigung des Bürgermeisters, der bei seiner Zwischenbilanz nach zwei Jahren erklärte, er stehe gern auch für eine weitere Amtszeit zur Verfügung, und nicht zuletzt auch als Protest gegen das „Einknicken“ der UNESCO, die kürzlich noch damit gedroht hatte, Venedig als Weltkulturerbe von der Liste zu streichen, sollten nicht wirksame Maßnahmen gegen den Massentourismus und gegen die großen Kreuzfahrtschiffe getroffen werden. Nun wurde die Frist um weitere zwei Jahre verlängert. Wegen der Komplexität des Problems, wie es heißt. Es bleibt unerfindlich, wie das Problem in zwei Jahren an Komplexität abgenommen haben soll.

Der Bürgermeister Luigi Brugnaro, der sich als Macher versteht und in seinem Selbstlob für die bisherigen Leistungen von keinem überbieten läßt, hat sich bisher nicht gerade als Versöhner profiliert, der diese Gemengelage von divergierenden Interessen in einer Art Sozialplastik zusammenführen könnte. Nicht Vermittlung ist seine Stärke, sondern die Konfrontation, und seine Äußerung, er hätte wohl Lust auf eine zweite Amtszeit, wird diesen Eindruck verstärken. Brugnaro hält den Demonstranten vor, sie sehnten sich Zeiten herbei, die längst vergangen seien, während er mit seiner zukunftsorientierten Politik erfolgreich sei. So will er das Geschäft mit den Kreuzfahrtschiffen nicht den anderen Städten am Mittelmeer überlassen. Vielmehr ist er bestrebt, die großenSchiffe sozusagen durch die Hintertür hereinzulassen und so das Ärgernis aus der Welt zu schaffen. Eine Lösung, die auch in Rom eher Zustimmung findet als ein Verzicht auf das Geschäft mit der boomenden Kreuzfahrt. Aber ob sie Venedig einer Lösung ihrer vielschichtigen Probleme näherbringt, ist fraglich.