Kunstbetrieb und Kunsterlebnis

Paper Tree, Steine und Pozellan von Lee, 1970 (Foto R.W.)

Paper Tree, Steine und Pozellan von Lee, 1970 (Foto R.W.)

Wenn man, von San Marco kommend, zur Biennale in den Giardini unterwegs ist, passiert man den Palazzo Caboto, der wie mit einem Schiffsbug in die Via Garibaldi ragt . Dort weist ein eher unauffälliges Schild auf eine Ausstellung hin, die einige Tage vor der Eröffnung der 57. Kunstbiennale, nämlich am 8. Mai begann und am 28. Juni wieder schließt. Eine von etlichen Dutzend Veranstaltungen, die von der Sogwirkung der Biennale profitieren wollen.

Der Name Seung-taek Lee wird den wenigsten Passanten etwas sagen. Bestenfalls mag man sich denken, „das ist wohl einer aus Fernost“. Damit liegt man schon richtig. Seung-taek Lee ist ein koreanischer Künstler, geboren 1932, der in Venedig schon während einer Kunstbiennale Ende des letzten Jahrhunderts sein Land vertreten hat und diesmal in einer Exklusivausstellung mit einer Auswahl seiner Arbeiten aus seiner frühen Schaffensperiode präsentiert wird. Eingerichtet von der Gallery Hyundai und kuratiert von Lévy Gorvy.

Wer kennt schon Seung-taek Lee? Oder Cody Choi und Lee Wan? Beide werden im koreanischen Länderpavillon in den Giardini präsentiert. Angesichts der Tatsache, dass die Kuratorin der Biennale für ihre Hauptveranstaltung allein schon mit 120 Künstlern aufwartet, darunter ebenfalls zwei aus Korea, und dazu 86 Länder mit ihren Künstlern präsent sind, ganz zu schweigen von den sogenannten Begleitausstellungen, wird man als Besucher mit einigen hundert Künstlernamen konfrontiert, die entdeckt, erkannt und beachtet werden wollen. Da frage ich mich, mit welchen Erwartungen und Intentionen die Institutionen, Galerien und Künstler sich auf das Abenteuer einlassen und um die Aufmerksamkeit eines mehr oder weniger kunstaffinen Publikums buhlen.

In jedem Fall ist es ein kostenträchtiges Unterfangen, das einige Monate durchgestanden werden will. Angefangen bei den Vorbereitungen und Abstimmungen mit den Künstlern, den potentiellen Vermietern der Räume, über die Organisation von Transport, Einrichtung und Besetzung der Ausstellung vor Ort bis hin zur Eröffnung und den sich anschließenden Wochen mit mehr oder weniger interessierten Besuchern. Nicht zu vergessen die Frage aller Fragen: Lohnt sich das alles? Und für wen? So naiv zu glauben, dies alles geschähe, um uns das Kunstschaffen eines Landes zu vermitteln, ist man ja kaum. Eher stellt man sich vor, dass der Name eines Künstlers auf dem Kunstmarkt in guter Erinnerung bleiben soll. Da ist eine Ausstellung in Venedig immer von Nutzen.

Im Fall Seung-taek Lee stellt sich die Aufgabe einigermaßen überschaubar dar. Knapp 50 Bilder und Objekte – alle in „handlicher“ Größe – mußten die Reise von Korea nach Europa antreten und unbeschadet überstehen. In Venedig fanden sie im Palazzo Caboto einen angemessenen Platz, der mit den Formaten und Materialien der gezeigten Werke harmoniert. Die zurückhaltende Architektur der Räume, die ihre ursprüngliche „Wohnlichkeit“ nicht verleugnen, die gleichmäßig verputzten Wände verstärken die Wirkung der sehr stillen und kontemplativen Ausstellung.

Auf dem DIN-A4-Zettel, den man am Eingang zur Ausstellung in die Hand gedrückt bekommt, erfährt man einiges über den Künstler, der in seinem Heimaltland zur Avantgarde experimenteller und kritscher Künstler gehört und in unserem Jahrhundert auf einigen internationalen Ausstellungen vertreten war. Das ist weniger als genug und hilft wahrscheinlich auch professionellen Besuchern nicht weiter, wenn sie nicht schon einiges über die koreanische Kunsttradition und ihre Entwicklung bis zur heutigen Zeit wissen. Aber als offener Betrachter braucht man die Hintergrundinformion vielleicht gar nicht. Beim Rundgang durch die stillen Räume kann man ungestört die Bilder und die mit Schriftzeichen übersäten Steine und Porzellan-Figuren betrachten und sich auf ein stilles Zwiegespräch mit ihnen einlassen. Schließlich wird uns in dem Handzettel versichert, dass Lee sich mit seinen Arbeiten in einem kulturellen Spagat zwischen amerikanischer Landart und koreansichem Schamananismus bewegt. Verlassen wir uns einfach auf ihre Wirkung, auch wenn wir nicht so genau wissen, ob wir mit unserer europäisch geprägten Sehweise den richtigen Zugang zu den Werken aus dem fernen Osten finden. Es kommt auf den Versuch an. Im Palazzo Caboto kann man ziemlich ungestört üben.