Stadt mit vielfältigem Gefahrenpotential

Die restaurierte Rialto-Brücke, im Hintegrund die Terrasse des neuen Luxuskaufhauses DFS

Die restaurierte Rialto-Brücke, im Hintegrund die Terrasse des neuen Luxuskaufhauses DFS (Foto R.W.)

Die Rialto-Brücke, 1591 als erste und lange Zeit einzige Überquerung über den Canal Grande erbaut, mußte im zurückliegenden Jahr aufwendig restauriert werden und ist nun seit einigen Monaten wieder ungehindert passierbar. Für Venezianer und Millionen Touristen, aber auch für Terroristen, die hier, wie jetzt berichtet, wohl einen Selbstmordanschlag verüben wollten, dem die italienische Polizei aber zuvorgekommen ist.

Wie es heißt, wurde seit einigen Jahren eine Gruppe von vier jungen Männern aus dem Kosovo, die mit gültigen Papieren in Venedig lebten und arbeiteten, von der Polizei beobachtet, weil einer von ihnen nach der Rückkehr aus Syrien in abgehörtenTelefongesprächen erkennen ließ, dass er für den Dschihad missionierte. Die Kommunikation mit den IS-Einflüsterern, die nach dem Anschlag in London wohl so etwas wie einen Motivationsschub erlebte, gipfelte in dem Aufruf, nun auch in Venedig etwas „Großes“ zu leisten: „ In Venedig kommst du sofort ins Paradies wegen der vielen Ungläubigen, die es da gibt. Lass auf Rialto eine Bombe hochgehen.“

Das war dann wohl der Auslöser für den Zugriff der Anti-Terror-Einheit, die am 30. März die Wohnung der vier jungen Männer stürmte und drei von ihnen festnahm. Der vierte ist noch minderjährig. Man durchsuchte die Wohnung nach Spuren für einen Anschlag und fand weder Waffen (abgesehen von Spielzeug-Pistolen) noch Sprengstoffe, dafür Anweisungen, wie man sich körperlich fit halten und Messerattacken üben sollte.

Man hat also allen Grund, erleichtert zu sein, dass nichts Schlimmeres geschehen ist, weil die Polizei vorbereitet war und rechtzeitig agiert hat. Eigentlich. Wenn da nicht die Tendenz wäre, das Schlimme, das gar nicht eingetreten ist, also ein Nichtereignis zu einem sensationellen Hauptereignis hochzuschreiben. Hier eine Auswahl der Schlagzeilen, die am 30. März in deutschen Publikationen zu lesen waren:

Terrorzelle zerschlagen: Rialto-Brücke in Venedig mögliches Ziel / Terrorzelle soll Anschlag in Venedig geplant haben / Terrorzelle zerschlagen: Rialto-Brücke als mögliches Ziel / Polizei zerschlägt Terrorzelle in Venedig. Islamisten planten Anschlag auf Rialto-Brücke /Terrorzelle: Rialto-Brücke in Venedig war das Ziel /Telefongespräche abgehört: Terrorzelle soll Anschlag in Venedig geplant haben

Es ist nicht zu leugnen, dass wir in in Europa und nicht nur hier mit einer neuen Qualität der Beunruhigung zu tun haben, weil es unter uns Menschen gibt, die sich für die IS-Ideologie gewinnen lassen und deshalb als Gefährder gelten. Von diesen Menschen geht eine Gefahr aus, und wir erwarten von der staatlichen Gewalt, dass sie uns vor dieser Gefahr zu schützen weiß. Und wenn dies der staatlichen Gewalt gelingt wie im Fall der Rialto-Brücke, verdient das unsere Anerkennung. Ungemütlich wäre es allerdings, wenn sich unter uns das Gefühl breit machte, Gefahren lauerten überall. Dann müßten wir wohl auch bereit sein, die täglichen Horrormeldungen von den Verkehrsunfällen im Straßenverkehr zu verdauen. Da sind wir als gefährdete Gefährder unterwegs und kommen mit beiden Rollen irgendwie zurecht. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Gefahren, die von uns als Verkehrsteilnehmern ausgehen, und solchen, mit denen uns Dschihadisten, Terroristen oder Amokläufer bedrohen. Wenn wir uns von diesen vielfältigen Gefahrenpotentialen beeindrucken lassen, haben wir schon verloren, noch bevor die Gefahr akut ist. Wollen wir das? Eher nicht. Wollen das die Medien? Eher ja, so scheint es.