Wenn der Leu loszieht

Wo sind die Flügel? (Foto R.W.)

Wo sind die Flügel? (Foto R.W.)

 

Fixiert in der Mauer. Unbeweglich. Der Löwe.

Direkt gegenüber ist der Eingang zum Arsenale, wo bald wieder die Kunstinteressierten aus aller Welt sich drängen werden. Dieser Löwe hat sie alle im Blick. Unbewegt. Ungerührt.

Wenn es dunkel wird und die Menschen in ihren Behausungen verschwunden sind, dann ist der Löwe mit sich allein und kommt ins Grübeln. Warum bin ich nicht wie die anderen? Die Löwen hier haben alle Flügel. Warum habe ich keine richtigen Flügel? Warum bin ich nicht wie die Mehrheit? Warum sind die anderen nicht wie ich?

Solche Fragen beschäftigen den Löwen. Besonders in mondhellen Nächten. Dann löst er sich von der Wand, federleicht, und macht sich auf den Weg durch die Gassen, um die anderen Löwen zu befragen. Die geflügelten Wappentiere.

Doch die bleiben stumm.

Stunden später kommt er ermüdet wieder zurück, würdigt den Bettler keines Blickes, der da auf der Schwelle zu einer Toreinfahrt zum Arsenale unter lumpigen Decken mit seinen Träumen kämpft. In den Träumen kommen auch Löwen vor. Geflügelte und ungeflügelte. Eines Nachts werden die beiden, der Bettler und der Löwe, gemeinsam durch Venedig streifen. Und keiner wird es erfahren.