Olle Kamellen

Ein gestürzter Engel? (Foto R.W.)

Ein gestürzter Engel? (Foto R.W.)

Alle Jahre wieder treiben die Touristen während der tollen Tage es besonders toll. Auch in Venedig drängten sich auf dem Markusplatz wieder Tausende, um zu erleben, wie da vom Glockenturm ein Engel am Drahtseil auf die vorbereitete Tribüne des Platzes herniederschwebte: ein Höhepunkt, den kein Besucher verpassen will, der wegen des Karnevals nach Venedig gekommen ist.

Alles wie gehabt. Oder doch nicht?

In den medial vermittelten Zustandsbeschreibungen von Venedig scheint es inzwischen zum guten Ton zu gehören, dass man sich über die Touristenmassen empört; selbst dann, wenn man sie eigens angelockt hat. Wie zum Beispiel während des Karnevals, der schon lange keine Veranstaltung ist, an der die Einheimischen sonderlich ineressiert oder beteiligt sind. In einem Bericht der Tageszeitung Il Giornale wird die Empörungs-Keule besonders heftig geschwungen. Da wird „Venedig von Touristen vergewaltigt und wie eine Hure behandelt“, die gerade für ein „Quicky“ taugt. Während die Beobachtungen während der Karnevalszeit wohl nicht skandalös genug ausgefallen waren, bedient man sich der Vorfälle des vergangenen Sommers. Da hatte doch ein Exemplar (w.) aus dieser Touristenmasse sich erdreistet, ganz respektlos und unzivilisiert zwischen geparkten Gondeln am Markusplatz in die Hocke zu gehen und sich zu erleichtern. Ein Gondoliere mit Smartphone war geistesgegenwärtig genug, diesen blanken Hintern für Facebook zu verewigen.

Es hat inzwischen schon etwas Rituelles, wenn man sich über die Touristen aufregt, die im Canale Grande baden, auf dem Markusplatz biwakieren und Müll hinterlassen, und lamentiert, dass Bengalesen (die sind ja so richtig schwarz) gefälschte Markenprodukte feilbieten und Chinesen die Bars und Geschäfte okkupieren. Der Bürgermeister Venedigs setzt noch einen drauf, wenn er „Vandalen“ zehn Tage einsperren lassen will.