Aus sicherer Distanz

 

Raser und Flüsterboote

Mit Hybridmotor in Canal Grande ungterwegs (Foto R.W.)

Mit Hybridmotor im Canal Grande unterwegs (Foto R.W.)

Im Laufe eines Jahres hat die Verkehrspolizei in Venedig an die 2000 Raser erwischt, die auf dem Canal Grande und vor der historischen Kulisse von San Marco die Wellen haben höher schlagen lassen. Eines von den Booten, das sich seit einigen Monaten in dem Verkehrsgetümmel unter der Rialtobrücke behaupten muss, ist mit Sicherheit nicht dabei.

Eines, das nicht nur weniger Wellen macht, sondern auch weniger Lärm und dazu noch weniger Dreck in die Luft bläst, weil es mit einem Elektromotor unterwegs ist. Das Flüsterboot mit dem Namen Scossa ist mit einem Hybridmotor ausgestattet und wird seit Dezember letzten Jahres für die Strecke von San Marco bis zum Flughafen und zurück eingesetzt. Innerhalb des Stadtgebietes wird Batteriestrom verbraucht, auf dem Rest der Strecke übernimmt ein Dieslmotor die Arbeit und das Aufladen der Batterien, damit es bei der Rückfahrt innerhalb des Stadtgebietes wieder im Elektromodus ans Ziel kommt.

Warum die Neuanschaffung der Verkehrsbetriebe, die für das Vaporetto, das gar nicht mehr mit Dampf betrieben wird, stolze 700 000 € bezahlt haben, auf den Namen Scossa getauft wurde, das man als Stoß oder Schlag übersetzen kann, ist nicht nachvollziehbar. Es sei denn, man soll den Namen als An-Stoß verstehen, dass die Zeit für innovative Verkehrskonzepte gekommnen ist. Wenn man sich vor Augen hält, dass der Schiffsverkehr in Venedig zu 45 Prozent an der Feinstaubbelastung in der Stadt beteiligt ist, darf man den Verantwortlichen nur gutes Gelingen wünschen.

Theater, Kino, Supermarkt

Der tägliche Konsum als Inszenierung (Foto RW.)

Der tägliche Konsum als Inszenierung (Foto RW.)

An der Strada Nova im Stadtteil Canaregio gab es vor langer Zeit mal ein Theater. Das 1914 erbaute Gebäude diente später als Kino und erlitt das gleiche Schicksal wie die meisten Lichtspielhäuser in Venedig. Es wurde geschlossen. Einige Zeit beherbergte es die Wirtschaftsfakultät der Universität Ca Foscari. Schließlich wurde es geschlossen und dämmerte in einer Art Dornröschenschlaf einer neuen Nutzung entgegen. Vor einigen Jahren gab es ein kurzes cineastisches Erwachen, als das Haus in der Verfilmung des Buchs König der Diebe von Cornelia Funke eine Rolle spielte. Inzwischen ist der Dornröschenschlaf zu Ende und das Haus für jedermann zugänglich: als Supermarkt. Im Unterschied zu üblichen Supermarktkonzepten wird hier die historische Kulisse in die Warenpräsentation einbezogen. Der Kunde kann sich im Angesicht von Fresken bei der Auswahl von Fertigerichten anregen lassen. Ein ganz neues Einkaufserlebnis? Gewiss!

Die nächste Brücke bitte!

Seit Jahren grübelt man in der Kommune, wie man die Kosten für die diversen Sanierungsarbeiten an den Brücken über den Canal Grande stemmen soll. Die extrem aufwendigen Maßnahmen an der Rialtobrücke sind wohl so gut wie abgeschlossen, nicht zuletzt dank der großzügigen Finanzspritze des Modelabels Diesel. Nun also ist der nächste Sanierungsfall an der Reihe. Die Accademia-Brücke braucht dringend eine Generalüberholung. Man erinnert sich, dass die Stadtverwaltung mit Sorge beobachtete, wie die Holzbrücke unter der Last der dort angebrachten Vorhängeschlösser zusammenzubrechen drohte, und deshalb alles daran setzte, um die Schlösser zu entfernen. Nun also steht die Sanierung bevor. Auch hier hat sich ein großzügiger Spender gefunden: Der Brillenkonzern Luxottica will sich mit 1,7 Millionen € an den Kosten für die Sanierungarbeiten beteiligen, die noch in diesem Jahr beginnen und Ende 2017 abgeschlossen sein sollen.

Leerstand

Es gibt im historischen Venedig etwa 90 Kirchen, von denen jede dritte nicht mehr für religiöse Kulthandlungen genutzt wird. Einige davon werden schon seit Jahren an Aussteller vermietet, so auch in diesem Jahr zur Kunstbiennale. Die monatliche Mieten bewegen sich zwischen 10 000 und 15 000 Euro pro Monat. Da kommt für die Erhaltung schon einiges zusammen. Um einige der Kirchen steht es deutlich schlechter. Sie bleiben leer und zeigen zum Teil schon Spuren des Verfalls.

Die Sorge um die Erhaltung der Kunstschätze und der Bausubstanz obliegt den Besitzern. Nicht immer sind die Besitzverhältnisse eindeutig, und wenn Kurie und Kommune sich nicht einigen können, wer der rechtmäßige Besitzer einer vom Verfall gezeichneten Kirche ist, wird sich keiner darum reißen, die Erhaltungs- und Sanierungskosten zu übernehmen. So steht diesen Kirchen wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal bevor wie denen, die in einer Wikipedia-Übersicht schon als „zerstört“ eingetragen sind. Bisher sind da 26 Kirchen verzeichnet. Immerhin werden noch ihre Namen genannt.

Lies nach bei Beckett

Das Flutwehrsystem mit dem anspielungsreichen Namen Mose, das den Venezianern irgendwann einmal erlauben soll, auch bei Hochwasser trockenen Fußes durch ihre Stadt zu schlendern, hat bisher schon 5 Milliarden Euro gekostet, ohne dass ein Termin für die Inbetriebnahme feststeht. Nun hat ein Fachmann für Metallurgie an der Universität Padua bei der Untersuchung des für die unter Wasser angebrachten Scharniere festgestellt, dass der dafür verwendete Stahl nicht rostfrei ist. Da die beweglichen Flutwehrelemente in diesen Scharnieren bei Hochwasser aus der Horizontalen in die Vertikale geschwenkt werden müssen, ist abzusehen, dass dieses Schwenken früher oder später unmöglich sein wird, wenn die Scharniere verrostet sind. Wie es heißt, hatte man in der Testphase noch eine nichtrostende Qualität verwendet und war danach mit einem Lieferanten ins Geschäft gekommen, der die Scharniere aus einem Stahl minderer Qualität lieferte.

Hat sich da wieder jemand bereichert? Oder anders gefragt: Wer hat bei der Beaufsichtigung des Projekts nicht aufgepasst? Auch wenn diese Fragen wohl immer unbeantwortet bleiben werden – eine Antwort kann man schon heute als gegeben betrachten. Ganz wie in dem Stück „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett heißt es für die Venezianer weiterhin: Warten auf Mose. Absurd? Oder ganz normal? Lies nach bei Beckett.