Was hat Schopenhauer in Venedig getrieben?

Dichterlesung im Studienzentrum (Foto R.W.)

Dichterlesung im Studienzentrum (Foto R.W.)

Der „Atlante Storico di Venezia“ ist ein sehr dickes Buch. In diesem Buch, das zur Geschichte Venedigs von den Anfängen bis heute immer etwas Bemerkenswertes zu erzählen weiß, findet man so gut wie alle deutschen Dichter und Denker erwähnt, die sich in dieser Stadt aufgehalten haben. Nur Arthur Schopenhauer kommt darin nicht vor, obwohl er Venedig im Jahre 1818 besuchte und sogar ein Empfehlungsschreiben Goethes an Lord Byron bei sich hatte, der zu dieser Zeit so etwas wie ein Star der venezianischen Gesellschaft war. Für Schopenhauer offensichtlich ein Grund mehr, von dem Empfehlungsschreiben keinen Gebrauch zu machen.

Das alles und mehr wird mit der ironischen Distanz eines Heutigen in dem Roman „Die Welt ist im Kopf“ geschildert, der die Italienreise des Philosophen beschreibt. Der Autor Christoph Poschenrieder hat über Schopenhauer promoviert und ist zur Zeit Stipendiat des Deutschen Studienzentrums Venedig und hat dort Passagen aus dem genannten Roman vorgelesen, der 2010 auf Deutsch und jetzt auch in italienischer Übersetzung erschienen ist. Aus den Passagen, die der Autor vorlas, ergibt sich zwingend, dass weder Dr. Schopenhauer noch Dr. Poschenrieder etwas mit der Gesellschaft zu tun haben, die Venedigbesucher auf ihren Spuren wandeln lassen wollen. Das überlassen sie den Rilkes, den Donna Leons (in der Gestalt des Commissario Brunetti) oder den Funkes (die mit diebischer Freude schon den Nachwuchs für spätere Venedig-Besuche konditionieren). Poschenrieder wie Schopenhauer verhalten sich so distanziert, dass potentielle Follower bald die Orientierung verlieren dürften. Dessenungeachtet verspricht der Roman ein Lesevergnügen, bei dem auch die von den Österreichern besetzte Stadt zu ihrem Recht kommt. Bemerkenswert ist die erfundene Geschichte von dem Versuch des amtierenden kaiserlichen Statthalters Peter Goess, der 1818 den Venezianern mit der Belebung einer karnevalistischen Tradion auf dem Markusplatz eine Freude machen wollte, die als Desaster endete. Peter Goess gab ein Jahr später sein Amt auf und überließ es anderen, den Venezianern das Leben schwer zu machen, die sich von dem Wiener Kongress (1815) wohl etwas anderes erhofft hatten als die endgültige Liquidierung der Republik Venedig. Das kann man auch im Atlante Storico nachlesen – die Geschichte des Desasters nur in Poschenrieders Buch.