Ganz schön ausgekocht

Der Küchenchef aus Eisenhüttenstadt erklärt seinen Gästen, was ihnen da vorgesetzt wird (Foto Petra Schaefer, dszv.it)

Der Küchenchef aus Eisenhüttenstadt erklärt seinen Gästen, was ihnen da vorgesetzt wird (Foto P Schaefer, dszv.it)

Die Einladung des Deutschen Studienzentrums in Venedig hatte es in sich und lockte ungewöhnlich viele Besucher in den Vortragssaal am Canal Grande. Dabei war es wohl weniger das Thema des Vortrags, das für einen vollen Saal sorgte, sondern auch der Nachsatz in der Einladung, in der „venezianische und brandenburgische Cichetti“ angekündigt wurden. Die Gäste kammen in doppelter Hinsicht auf ihre Kosten. In dem Vortrag, den der Direktor des Studienzentrums, Romedio Schmitz-Esser, in italienischer Sprache hielt, ging es unter anderem darum, dass der Kaiser Barbarossa, der während des dritten Kreuzzugs unterwegs nach Jerusalem ums Leben kam, würdig bestattet werden sollte und zu diesem Zweck vom seinem Koch zerlegt und gekocht wurde, so dass schließlich nur die Gebeine für eine ehrenvolle Bestattung übrig blieben.

Die Zuhörer wurden anschließend nicht von einem Koch des Mittelalters, sondern von angehenden Meisterköchen verwöhnt, die im brandenburgischen Eisenhüttenstadt ihre Ausbildung absolvieren. Zur Zeit findet im Rahmen des Erasmus-Programms „Go Europe“ ein berufliches Beschnuppern mit dem venezianischen Istituto Professionale Andrea Barbarigo statt, zu dem auch der Einsatz im Studienzentrum gehört. Die angehenden Köche aus Brandenburg zeigten, wie phantasievoll sie mit Lebensmitteln und Zutaten umzugehen gelernt haben, die Studenten des venezianischen Instituts kümmerten sich um Organisation und Service. Die Arbeitsteilung klappte vorzüglich. Bei Büffelmozzarella mit märkischem Rauke-Pesto und Minikartoffeln, die mit Berliner Heringshäckerle gefüllt waren, konnten die Gäste sich vom Mittelalter lösen und den Koch mit seinem verstorbenen Kaiser allein lassen. Schließlich lag nichts ferner, als einen verspäteten Leichenschmaus für einen fern der Heimat verstorbenen deutschen Kaiser zu zelebrieren.

Ungewöhnlich bleibt das Erlebnis auch in anderer Hinsicht. Wer denkt bei einem Ort wie Eisenhüttenstadt schon an Kulinarisches und angehende Köche, die sich trauen, auch verwöhnte Venezianer zu beeindrucken. Schließlich handelt es sich um einen Industrie-Standort, in dem der größte Stahlkocher der Welt, ArcorMittal, zu Hause ist. Und dieser Stahlkocher ließ es sich nicht nehmen, auch etwas für die Köche zu tun, die sich um unser leibliches Wohl kümmern. In dem QualifzierungsCentrum der Wirtschaft, einer 100%igen Tochter von ArcelorMittal, wird Gastromanagement gelernt. Es gibt dort das KochWERK für Köche und Restaurantfachleute, das von Küchenchef Torsten Kleinschmidt geleitet wird, dem es auch zu verdanken ist, dass seine Anbefohlenen nicht nur für die Werksbelegschaft kochen dürfen, sondern im Laufe ihrer dreijährigen Ausbildung auch lernen, wie es anderswo zugeht. Zum Beispiel bei den älteren Damen in Venedig, die mit großem Interesse probierten, was sich die Nachwuchsköche hatten einfallen lassen, zum Beispiel Märkische Mohnpielen in Buttermilch-Plinsen mit Eierlikör-Dickmilch (crespelle di papavero con salsa die latticello e liquore all´uovo). Ein Genuss, der bei den Gästen in beiden Sprachen noch lange in guter Erinnerung bleiben dürfte.