Wo man die Einsamkeit findet

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Dünenlandschaft auf Lido: links 2012, rechts 2016 (Fotos R.W.)

Venedig-Besucher sind immer wieder verwundert, wenn sie bei einem Ausflug auf die Insel Lido erleben, dass dort auch Autos unterwegs sind. Die Insel, die nach Osten hin die Lagune von Venedig gegen das offene Meer abschirmt, hält noch andere Überraschungen und Wohltaten für die Seele bereit. So kann man die 12 Kilometer lange Insel von Norden nach Süden im öffentlichen Bus abfahren, mit dem gleichen Ticket, das man fürs Vaporetto gelöst hat. Oder man schwingt sich aufs Fahrrad, das gemietete, und fährt die gesamte Strecke von Leuchtturm zu Leuchtturm ab. Das sind dann einige Kilometer mehr, weil die Leuchttürme im Süden und im Norden ein Stück weiter weg auf einer Buhne im offenen Meer stehen, wo sie den ankommenden Passagier- und Frachtschiffen als Orientierung dienen.

Die Nehrung war jahrhundertelang eine kaum bewohnte Dünenlandschaft, bis man im 19. Jahrhundert damit begann, den Sandstrand zu bewirtschaften. So wurder der Lido das erste Seebad Europas und ist bis heute für viele Venezianer jeden Sommer der nächste Ferienort, wo man alljährlich mit der ganzen Familie Strandurlaub macht. Rund 17 000 Venezianer, die sich selbst Lidensi nennen, leben schon ganzjährig auf der Insel.

Die beiden Enden der insgesamt vier Quadratkilometer großen Landfläche sind grüne Oasen geblieben. Im Süden findet man gepflegtes Grün, wie es sich für einen Golfplatz gehört, im Norden kann man gelegentlich die Starts und Landungen von Propellerflugzeugen beobachen. Auf diesem kleinen Flugplatz hat sich die erste Begegnung der Herren Mussolini und Hitler zugetragen.

Ein großes Stück bleibt als Dünenlandschaft sich selbst überlassen. Vor einigen Jahren allerdings hat man diese Landschaft kleinteilig eingezäunt, um den Pflanzen ein ungestörtes Wachstum zu ermöglichen. Inzwischen sind die Einzäunungen abgeräumt, der Bewuchs der Dünen zeigt sich in seinen Herbstfarben, die Winde können kaum noch Flugsand forttragen. Man darf feststellen: Experiment gelungen, während das größere Experiment Mo.S.E. einige hunder Meter weiter nördlich an der Zufahrt für die Kreuzfahrtschiffe noch auf die Stunde seiner Bewährung warten muss. Wer weiß wie lange.