Eine Annäherung an die Geschichte der Serenissima

Schöne Aussicht vom Luxuskaufhaus am Canal Grande

Schöne Aussicht vom Luxuskaufhaus am Canal Grande (Foto R.W.)

Aus der Google-Perspektive betrachtet, präsentiert sich Venedig als ein Mosaik von dicht an dicht gefügten Ziegeldächern, durch das sich der Canal Grande als Haupverkehrsader windet. Auf der gut vier Kilometer langen Strecke sind auch die Haltestellen des öffentlichen Personenverkehrs und einige touristische Highlights verzeichnet. Wer sich über die Verkehrsanbindung hinaus noch dafür interessiert, was sich unter dem Teppich von Dachziegeln verbirgt, wird bei Wikipedia fündig.Da bekommt man die Namen der meisten Bauwerke benannt, die sich links und rechts am Canal Grande aneinanderdrängen, viele mit Bild, einige auch mit Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte. Unter anderem die Ca´del Mosto, die noch Merkmale aus dem 12. Jahrhundert aufweist und einst das berühmteste Hotel der Stadt war, während das jüngste Bauwerk am Canal, der Palazzo Tito, erbaut 1956, keine Erwähnung wert zu sein scheint.

Das ist spätestens der Moment, an dem man zu staunen beginnen darf und sich fragen sollte, was die Menschen damals angetrieben hat, auf ein paar sandigen Inseln in einer Lagune des Mittelmeers diesen Aufwand zu treiben und einige hundert kolossale Bauwerke errichten zu lassen, die heute zu Recht als Weltkulturerbe gelten, aber nicht immer so pfleglich und respektvoll behandel werden, wie es die Kulturbewahrer gerne sähen.

Dabei wird sofort klar: Die Venezianer, die hier einige Jahrhunderte lang erfolgreich ihren Geschäften nachgingen und die Stadt nach ihren damaligen Bedürfnissen gestalteten und pflegten, lebten nicht in einem Museum, sondern in einer pulsierenden Handelsmetropole. Sie trieben Handel mit der ganzen damals bekannten Welt und zeigten stolz ihren Reichtum auch in den Bauwerken, die wir heute auf den Inseln um den Canal Grande bewundern dürfen. Doch wie es in der Geschichte immer wieder vorkommt, änderten sich die Verhältnisse auch für die erfolgsgewohnten Dogen und Patrizier. Mit dem Einmarsch Napoleons in Venedig im Jahre 1796 war es mit der Herrlichkeit und Eigenständigkeit der Republik Venedig zu Ende. Die Fremdherrschaft der Franzosen und später der Österreicher, aber auch die Verwaltung durch die Regierung in Rom nach der Vereinigung Italiens ist der Stadt nicht gut bekommen.

Immerhin sind auch in der Zeit der „Fremdbestimmung“ Baumaßnahmen vorgenommen worden, die dem Gesamtbild der Stadt nicht direkt geschadet haben. Die österreichische Besatzungsmacht brachte das Festland über eine Eisenbahnbrücke näher an Venedg. Die Zisternen, die überall noch heute in den Stadtteilen zu sehen sind und daran erinnern, wie man sich einst mit Trinkwasser versorgte, indem man das Regenwasser filterte, wurden überflüssig, als man die Wasservorräte in den Dolomiten anzapfte und über ein Leitungsnetz in die Haushalte beförderte. Es folgten die Elektrifizierung und die Versorgung mit Gas, das über unterirdische Leitungen die Wohnungen beheizt, schließlich die Versorgung mit Kommunikationseinrichtungen, die Venedig mit der ganzen Welt verbinden, auf dass kein Selfie, das ein Tourist der Welt zumuten will, in den Clouds verloren geht. Das verdient höchste Bewunderung, weil die Neuerungen mehr oder weniger unauffällig in die bestehende Substanz eingefügt worden sind, und erklärt den berechtigten Stolz der Venezianer angesichts der vollbrachten Leistungen.

Dieser Stolz auf das Vergangene hat bei den Gegenwärtigen manchmal etwas Trotziges, weil die Erben gewisse Schwierigkeiten haben, sich als wahre Erben zu erleben. Die Stadt wird ja kaum noch von den Ansässigen, sondern von Kräften beherrscht und beeinflußt, die nichts mehr mit den hier Lebenden zu tun haben. Davon sind auch die Bauwerke am Canal Grande betroffen. Die alten Familien, die hier einst als Patriarchen und Geschäfstleute das Sagen hatten, sind ausgestorben, aufs Festland gezogen oder haben ihre Besitztümer vernachlässigt, verspielt und Akteuren überlassen, die entweder gewinnorientierte oder kulturbewahrende Absichten haben, da sie als Wohn- und Geschäfträume aus vielerlei offensichtlichen Gründen nicht mehr geeignet sind. Sie strahlen heute nur noch den Charme einer überlebten Epoche aus.

Wenn man die ganze Stadt nicht als Museum einrichten will, muß man sich eine andere Nutzung einfallen lassen. So ist zum Beispiel eines der größten Gebäude, direkt an der Rialto-Brücke gelegen, das einst als Ort für die Geschäftsbeziehungen mit den Kaufleuten aus Deutschland geschaffen wurde, ein Luxuskaufhaus geworden. Eine Wandlung, die zu der ursprünglichen Bestimmung des Gebäudes noch eine gewisse Beziehung hat. Dennoch gefällt sie nicht allen, vor allem denen nicht, die sich andere Vorstellungen von Venedig als Kulturerbe machen. Bei den verschlungenen Interessenverflechtungen, verzwickten Besitzverhälnissen und den Einspruchsmöglichkeiten von Staat, Kommune und Kulturbewahrern wird jedes Renovierungsprojekt in Venedig zu einem Alptraum, aus dem nur wenige mit einem guten Gefühl aufwachen.

Gelegentlich bekommt der Stolz der Veneziane sogar etwas Verlogen-Kitschiges, wenn sie – ähnlich wie beim Fremdschämen – auf etwas stolz sind, das sie eigentlich einen Dreck interessiert, weil sie hier Geschäften nachgehen, die der Stadt eher schaden als nützen können. Taubenfutterverkäufer zum Beispiel, die in Kauf nahmen, dass die Taubenplage auf dem Markusplatz unerträgliche Ausmaße annahm, weil die Tauben alle Gebäude ringsum verkoteten. Ganz zu schweigen von den Kreuzfahrtschiffen, die nachweislich der Stadt mehr Schaden als Nutzen bringen, was bestimmte Interessengruppen nicht hindert, sich und den anderen vorzurechnen, wie wichtig Passagierhafen und Containerhafen für Venedig seien.

Und wie ist es mit den Besuchern, die aus der ganzen Welt nach Venedig kommen? Kennen wir ihre Motive? Kennen sie sie? Wollen sie wirklich wissen, wie diese Stadt entstanden ist, wie die Menschen hier hart gearbeitet und gegen die Widrigkeiten der Natur gekämpft haben, wie sie erfinderisch waren und diplomatisch , machtbewußt und geschäftstüchtig, wie sie Kriege geführt und Schlachten geschlagen haben, wie sie unabhängig von Kaisern und Klerikern ihre Entscheidungen getroffen haben? Suchen sie nach romantischen Erlebnissen, für die diese Stadt angeblich wie geschaffen sein soll, woran die vielen Dichter, die hier mal durchgezogen sind, nicht ganz unschuldig sind? Manchen reicht es wohl, in Venedig gewesen zu sein, wie man da gewesen sein muss, wo schon so viele andere gewesen sind. Sie schwimmen mit auf der Welle des Massentourismus und wollen sich damit prahlen, wo sie schon überall gewesen sind. Dann erzählen sie vielleicht, wie gut/wie schlecht hier die Pizza geschmeckt hat, und wenn es hoch kommt, haben sie sogar in einer Gondel gesessen und erlebt, wie das Ruder bei jedem Eintauchen ins Wasser leise gluckste.

Für eine Stadt wie Venedig ist diese global verbreitete Art, die Welt zu bereisen, eine Zumutung, der sie sich zu widersetzen sucht, um irgendwie ein Gleichgewicht von Raumangebot und Massenansturm hinzubekommen. Doch bevor hier endlich ein Schild vor die Tür gehängt wird „Wegen Überfüllung geschlossen“, versucht man schnell noch, die Bettenkapazität der Hotels und Pensionen zu steigern. Im Widerstreit von Partikularinteressen gerät das große Ganze ins Hintertreffen, weil es keine richtige Vorstellung davon gibt, was das große Ganze eigentlich sein sollte. Nur eines ist gewiss: die selbstbestimmte Serenissima wird es nicht mehr werden. So leben ambulante Taschenverkäufer und Luxuskaufhäuser, Online-Vermittler von Billigunterkünften und Spitzenhotels, Ramsch und Kultur einträchtig nebeneinander, und die Unesco kann alle Jahre wieder damit drohen, dieser Stadt den Status eines Weltkulturerbes zu versagen.