Wildes Venedig, mal anders

 

Wenn ein Seidenreiher meditiert (Foto R.W.)

Wenn ein Seidenreiher meditiert (Foto R.W.)

Wildes Venedig. So wurde im ARD-Fernsehen ein Film angekündigt, der parallel zum Spektakel in Brasilien wohl für Zuschauer gedacht war, die das Zählen von olympischem Edelmetall gern anderen überließen. Und sie wurden belohnt mit stimmungsvollen un instruktiven Bildern und Szenen vom Tierleben in der Lagune von Venedig, das auch für mich immer wieder eine willkommene Abwechslung ist von den Menschenmengen, die durch die Stadt ziehen. Nur gelegentlich tauchten im Hintergrund Fähr- und Kreuzfahrtschiffe auf, gleichsam als Mahnung, wie fragil das ökologische Gleichgewicht der Lagune ist.

Damit wurde das Adjektiv „wild“ in einem überraschend neuen Sinnzusammenhang präsentiert. Man konnte beobachten, wie sich in den Dünen und Salzsümpfen Scharen von Seeschwalben und Säbelschnäblern die Nistplätze streitig machten und wie ein Fuchs sich heranpirschte und nur darauf wartete, dass ein Vogel sein Gelege verließ, um sich über die Eier herzumachen. Man sah einen Eisvogel, der sich seine Mahlzeit in einem der Brackwassergräben ertauchte, und man konnte staunen, wie artenreich das Leben unter Wasser ist, besonders an den drei Stellen, wo der Austausch der Wassermassen zwischen dem offenen Meer und der Lagune besonders günstige Bedingungen für Fische und anderes Getier bietet. Selbst an der Haltestelle für Vaporetti hatte ein Seidenreiher Posten bezogen (wahrscheinlich der gleiche, den ich an der gleichen Stelle schon wiederholt angetroffen habe). Er balancierte auf der schwankenden Kette zwischen Ponton und Uferbefestigung und tauchte immer wieder nach Fischen, die da im Wasser unter ihm in Schwärmen herumschwammen. Man erfuhr, dass auch Flamingos wieder in der Lagune gesichtet wurden.

Wenige Tage nach dem Filmerlebnis war in venezianischen Medien zu lesen, was Hoffnung machen könnte auf eine Fortsetzung des „wilden“ Films. Mehrere Seeleute haben unabhängig voneinander in der Lagune zwischen Burano und Treporti eine Robbe entdeckt, genauer: eine Mittelmeer-Mönchsrobbe, eine vom Aussterben bedrohte Art aus der Familie der Hundsrobben. Ein ausgewachsenes Tier ist bis zu 2,50 Meter lang und 280 Kilo schwer und erkennbar an der doppelten Schwanzflosse. Die Naturschutzorganisation Gruppo Foca Monaca war elektrisiert und erklärte, dass die Mönchsrobbe möglicherweise aus Istrien kommen könnte, einer der wenigen Brutstätten im Mittelmeer. Die Organisation fordert nun alle Freizeitkapitäne und Fischer auf, ihre Augen offen zu halten und die Robbe – Einzahl wie Mehrzahl! – zu filmen, wo immer man ihrer ansichtig wird, und das Ergebnis mit Foca Monaca zu teilen. Entwickelt sich da eine neue Variante der Jagd à la PokemonGo? Das ist kaum zu erwarten. Die Population der Mönchsrobben im Mittelmeer wird auf höchstens 450 Exemplare geschätzt.