Venedig als Death-Valley?

Ein Kreuzfahrtschiff passiert die Insel Certosa (Foto R.W.)

Ein Kreuzfahrtschiff passiert die Insel Certosa (Foto R.W.)

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat zu Beginn der Feriensaison im Reiseblatt (21.7.16) einen abschreckenden Beitrag über Venedig veröffentlicht. Da wird die Geldgier der Venezianer, die Korruptheit der Unternehmer und die Bestechlichkeit der Politiker gegeißelt, dass es eine Freude ist, nicht zu vergessen die „Airbnb-Plage“ die dazu beigetragen hat, dass nun zehn Millionen mehr Besucher eine Übernachtungsmöglichkeit in Venedig finden können. Da bleibt keine Sünde unerwähnt, die sich die Stadtverwaltung, die habgierigen Venezianer und Profiteure zuschulden kommen ließen, angefangen bei den Kreuzfahrtschiffen, über die chinesischen Geschäfte mit Lederwaren und Andenken made in China bis hin zu den Ein-Euro-Shops, die allenthalben die traditionellen Geschäfte verdrängt hätten. Das hat man alles schon mehrfach in italienischen und deutschen und internationalen Zeitungen lesen können.

Auch der aktuelle Bürgermeister Luigi Brugnaro bekommt sein Fett weg, weil er erstens gar kein Venezianer ist, sondern auf dem Festland wohnt, und weil er zweitens die Frechheit besessen hat, zu behaupten, die Zukunft Venedigs liege in Mestre (das heißt auf dem Festland). Und dann die Kollateralschäden dieser rücksichtslosen wirtschaftlichen Ausbeutung Venedigs, die Verseuchung der Lagune, die Zerstörung der Uferbefestigungen durch Wellengang und Wasserverdrängung in den Kanälen, die Feinstaubbelastung und Luftverschmutzung (Zitate: „Venedig ist die Stadt mit der höchsten Lungenkrebsrate in Italien.“ oder „ die Luft in Venedig ist schlechter als in Peking.“)

Als Leser ist man schon einigermaßen erschrocken, dass Venedig, der Sehnsuchtsort so vieler Menschen in aller Welt, in der FAZ als „Death Valley“ apostrophiert wird, kratzt sich den klugen Kopf und denkt: Da wird wohl was dran sein. Kann man da überhaupt noch hin? Lieber nicht.

Vielleicht denkt der eine oder andere auch nur zurück, wie lange es her ist, dass er Venedig besucht und wie er die Stadt erlebt hat, damals, vor zwanzig, dreißig Jahren, mit den Tauben auf dem Markusplatz, die sich um das Vogelfutter balgten, das die Tochter partout nicht verteilen wollte, während Mutti sich über die Preise im Café Florian aufregte. Mancher denkt vielleicht etwas länger nach und erinnert sich – ein wenig beschämt – , wie man hoch zu Schiff gleichsam als Eroberer der Stadt näher kam und sie kritisch musterte, während sie da unten vorbeizog, ein Stück Weltkulturerbe, für ein paar Stunden zur Beute degradiert. Wieder andere, die eher nicht zu den regelmäßigen FAZ-Lesern gehören (zum Beispiel Fußballspieler und Hollywood-Stars oder Rudergemeinschaften, die alljährlich bei der Umrundung der Inseln mit Muskelkraft dabei sein wollen) genießen die Stadt auf ihre Art. Sie heiraten vor historisch-romantischer Kulisse, erleben mit Tausenden anderen die Inseln der Lagune und finden es prima. Oder sie zelebrieren in den eigenen vier Wänden die Fernsehabende mit Commissario Brunetti, der wieder einmal auf Verbrecherjagd mit dem Motorboot auf den Kanälen Venedigs unterwegs ist. Ihnen geht es weniger um die Auflösung des Kriminalfalls, dafür umso mehr um Venedig als Kulisse für romantische Erinnerungen, die da mal waren und wieder belebt werden wollen.

Venedig hat sich in den Jahrhunderten seines Bestehens immer wieder in dem Spagat von Kommerz und Kultur geübt. Mit großem Erfolg. Kann sein, dass es sich seit einiger Zeit in Richtung Kommerz überdehnt hat. Vielleicht wird die Drohung der Unesco, der Stadt den Titel als Weltkulturerbe zu entziehen, richtig verstanden. Man sollte die Hoffnung nicht aufgeben.