Der Stoff, aus dem die (T)Räume sind

Gipskarton mal anders (Foto R.W.)

Gipskarton mal anders (Foto R.W.)

Jedes Jahr aufs neue wiederholt sich in den Giardini und im Arsenale von Venedig das Gleiche: Da werden in den Pavillons und Ausstellungsräumen tonnenweise Gipskartonplatten und Alu-Ständer verbaut, die man ein halbes Jahr später, wenn man voller Stolz die Besucherzahlen verkündet hat, irgendwie entsorgen muss. Wohin damit?

Alejandro Aravena, der diesjährige künstlerische Direktor der 15. Architekturbiennale, hat sich auf seine Art des Problems angenommen. Er hat im Arsenale eine Kunstinstallation geschaffen, die man geradezu andächtig durchschreitet. Man erlebt beim Rundgang durch die geräumige Eingangshalle der ehemaligen Seilerei mit ihren wuchtigen Säulen eine ästhetische Wirkung, die vergessen läßt, dass sie dem Müll des Vorjahres zu verdanken ist. Von der Decke hängen dicht an dicht wie Stalagtiten die ausrangierten Aluständer, die Wände schimmern mattweiss und mit dunklen Streifen gesprenkelt von aufeinander geschichteten Rigips-Streifen.

Gleich nach Beendigung der Kunstausstellung 2015 hat das Team von Aravena damit begonnen, den Müll zu bearbeiten. Gipsplatten und Alu-Ständer wurden zugeschnitten und als Wand- und Deckenschmuck verwendet. Auch der Eingangsbereich im Hauptpavillon der Giardini wurde in die Umgestaltung einbezogen. Man liest, dass auf diese Weise 10 000 Quadratmeter Gipskarton und 14 000 Meter Alu-Schienen vor der Müllkippe bewahrt blieben. Bis auf weiteres. Denn auch diese Schau geht einmal zu Ende, und Aravena ist kein Christo, der seine Dekorationsstoffe nach der Schau portionsweise an Besucher und Sammler verkauft und nun noch einmal die Menschen erfreuen will, wenn sie in den nächsten Wochen auf dem Iseo-See seinen mit goldgelben Tüchern bespannten Laufsteg betreten werden.

Zurück zu Aravena. Wir werden im Arsenale nicht nur mit einem eindrucksvollen Erlebnis beschenkt, wir erleben auch den Entstehungsprozess in kleinen Zeitraffer-Sequenzen, die man sich auf Displays ansehen kann, die in die Wände integriert sind. Hier hat einer selbstbewußt seine Handschrift gezeigt und dabei auch beispielhaft vorgeführt, wie scheinbar unbrauchbares Material sich auf eindrucksvolleWeise verwandelt, wenn man nur will und weiß, was man kann. Auf den mehreren hundert Metern der Seilerei wiederholt sich das Erlebnis. Auch andere Architekten haben sich „anstecken“ und (ver)führen lassen und zeigen uns, wie aus dem Zusammenspiel von Innovation und traditionellen Materialien und Techniken neue Lösungen für das Bauen künftiger Städte zu erwarten sind. Man muss nur wollen und wissen, was man kann.